Schwarzer Sumpf

Short Stories

Autor: hk

  • Notiz 20

    —

    von

    in

    Maskulinität war schon immer ein großes Thema für mich. Und wie alle Männer habe ich Probleme damit, die für mich passende Form von Männlichkeit zu definieren. Ich fürchte, mir gelingt das insgesamt nicht so gut, auch wenn es von außen anders aussehen mag. Ich bin groß gewachsen, nicht der Schmalste, habe einen dunklen, relativ dichten…

  • Notiz 19

    —

    von

    in

    In gewisser Weise war ich ein Pionier beziehungsweise meiner Zeit voraus. Als ich um das Jahr 2000 mit dem Krafttraining angefangen habe, war ich gerade einmal 15. Damals gingen Teenager noch nicht reihenweise ins Fitnessstudio. Ich war eine ziemliche Ausnahme – und entsprechend viel Aufmerksamkeit und Bewunderung habe ich für meinen Körper bekommen. In gewisser…

  • Matches

    Matches

    [3.424 Wörter] V. ist mir in Erinnerung geblieben, denn vielleicht habe ich sie missbraucht. Nein, ganz sicher sogar habe ich sie missbraucht. Vielleicht nicht im rechtlichen Sinne, aber menschlich. Sie wollte nicht mit mir schlafen, hat es am Ende aber doch gemacht. Früher hätte man gesagt: Weil ich sie verführt habe. Aber das zu behaupten,…

  • Galastimmung

    Galastimmung

    [2.456 Wörter] Salziger Schweiß rann mir über das Gesicht und ich fing ihn mit der Zunge auf, während ich in meiner Hosentasche vier rosafarbene Papierbons zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieb, jeder von ihnen fünfzig Cent wert. Meine Mutter hatte sie mir vorhin in die Hand gedrückt, damit ich mir eine Cola kaufen konnte. Ich schmeckte…

  • Filz

    Filz

    Die schwere Holztür fiel ins Schloss und es hallte im Hausflur nach. Karl war allein auf der Strasse. Er brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. In keinem Fenster der erhabenen Altbaufassaden brannte Licht und die Äste der Winterbäume stachen schwarz vom Himmel ab, der in Berlin nie ganz dunkel wurde. Er entsann sich, wo…

  • Wieder ein Tag

    Wieder ein Tag

    [3.875 Wörter] Die Sonne bohrt ihre Finger durch die Schlitze des Rollladens. Ich drehe mich zur Wand. Das Kissen liegt nicht richtig. Ich drücke es ein, bausche es auf, falte es zusammen, doch es bringt alles nichts, ich finde keine bequeme Position. Kein Wunder, nach all den Monaten. Als ich mich aufrichte, schiesst es mir…

  • Motte

    Motte

    [2.441 Wörter] Ich hasste die Fahrschule. Es war nicht das Autofahren. Das machte mir Spaß und dafür hatte ich ein Händchen. Mein Vater hatte mich schon früh im Urlaub auf dem Feldweg fahren lassen und seit einem Jahr übte ich auf der Straße vor unserem Haus Anfahren und Einparken. Wir wohnten in einer Sackgasse am…

  • Oberfläche einer Nacht

    Oberfläche einer Nacht

    [5.208 Wörter] Verdammt noch mal! Warum ist es so heiß hier drin? Die gottverdammte Scheißschminke läuft ja direkt wieder runter. Kein Wunder, die Heizung ballert auf fünf! Verdammte Scheiße und verdammter Scheißdrecksrollkragenpullover! Warum? Bin ich eigentlich behindert? So, jetzt noch mal in Ruhe! Erst das Schwarz um die Augen, vorsichtig, ganz in Ruhe. Geht doch!…

  • Notiz 18

    —

    von

    in

    Ich war schon fast zwei Jahre arbeitslos, als ich endlich eine Chance zur Rehabilitation erhielt. Ein Hersteller von Heizungs- und Wassertechnik brauchte eine sechsmonatige Vertretung für einen ihrer  Online-Marketing-Manager, der ein Sabbatical in Asien machte. Wenn man über 300 erfolglose Bewerbungen geschrieben hat, ist man nicht mehr wählerisch, auch wenn im Bewerbungsgespräch eine Red-Flag nach…

  • Notiz 17

    —

    von

    in

    Meine Eltern trennten sich, als ich drei oder vier Jahre alt war, blieben aber im selben Haus wohnen. Mein Vater zog in die Wohnung im ersten Stock, ich zog mit meiner Mutter ins Erdgeschoss. Den Keller und den Garten teilten sich die beiden. Und so wurde ich ein Wandler zwischen zwei Welten, die nur noch…

  • Notiz 16

    —

    von

    in

    Als ich achtzehn Jahre alt war und noch zur Schule ging, ritt ich zwei meiner Freunde und mich einmal ganz schön rein. Wir saßen bei Pasta al Forno vom Hinterhoflieferservice zusammen und besprachen, wie und wo wir unseren Sommerurlaub verbringen sollten. Ich machte kräftig Werbung für “Ruf Jugendreisen”, mit denen ich zwei Jahre zuvor in…

  • Notiz 15

    —

    von

    in

    Ich lernte C. auf eine Art und Weise kennen, wie man heutzutage wohl kaum noch jemanden kennenlernt, und zwar um drei Ecken: Nachdem ich nach einer Indienreise zurück in meine Heimatstadt Köln gekommen war, um dort ein Studium zu beginnen, fand ich Arbeit in einer Kneipe. Dort kam irgendwann ein wunderschönes Mädchen herein, das mir…

  • Notiz 14

    —

    von

    in

    Ich weiß noch genau, in welchem Moment es mit meiner ersten Liebe zu Ende ging. Ich besuchte sie in Amsterdam, wo sie gerade ihr Studium aufgenommen hatte. Wir lagen nebeneinander im Bett und ich fühlte mich fremd und nicht mehr mit ihr verbunden. Daraus zog ich den Schluss, dass ich sie nicht mehr liebte. Rückblickend…

  • Notiz 13

    —

    von

    in

    Als ich einundzwanzig Jahre alt war, hatte ich eine schwere Depression. Ich hatte ein Kulturwirt-Studium in Duisburg angefangen, wo ich mich vom ersten Tag an fremd fühlte. Zu Hause in Köln hing ich mit zynischen Kiffertypen rum, dort im Pott waren meine Kommilitonen weltoffene, unbeschwerte Bürgerkinder, auf die ich nicht klar kam. In meinem Zimmer…

  • Notiz 12

    —

    von

    in

    Gerade noch bei der Arbeit. Irgendwie ein Scheiẞtag. Wir haben ein Griffkraftmessgerät bekommen und ich habe Werte, die selbst für einen Siebzigjährigen beschissen sind. Ich habe geahnt, dass die Griffkraft eine groẞe Schwäche von mir ist, aber natürlich hofft man immer, dass man sich täuscht. Solche Erlebnisse hatte ich in den letzten 10 Jahren oft:…

  • Notiz 11

    —

    von

    in

    Momentan ist meine Form eine Art Persona meiner selbst auszuschlachten. Mir ist aufgefallen, dass man beim Schreiben immer ein bestimmtes Publikum bzw. einen bestimmten Empfänger anvisiert – bewusst oder unbewusst. Und momentan ist dieses Publikum eine graue, anonyme Masse von Instagram-Usern und sonstigen Menschen, die online auf meine Texte aufmerksam werden könnten. Dabei ist das…

  • Notiz 10

    —

    von

    in

    Auf dem Rückweg der Verkaufsschulung. Ich habe die Prüfung, für die 60 Minuten angesetzt war, in knapp 15 Minuten abgelegt – praktisch fehlerfrei. Eine von 40 Fragen habe ich falsch beantwortet. Kaufen kann ich mir davon nichts. Es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn ich mit der Mindestpunktzahl bestanden hätte. Der einzige Unterschied wäre gewesen, dass…

  • Notiz 9

    —

    von

    in

    Ich habe begonnen, meine Texte auf Instagram und X zu bewerben. Läuft noch nicht. Ich bin auch skeptisch, ob es jemals in Laufen kommen wird. Im Grunde ist es mir auch egal. Ich verfolge keine wirklichen literarischen Ambitionen (mehr). Ich dokumentiere eigentlich nur noch, was in meinem Kopf los ist, und folge bestimmten, nicht zielgerichteten…

  • Unter Dachschrägen

    Unter Dachschrägen

    [856 Wörter] Beim Hochsteigen der Treppe zum Dachboden achtet er darauf, dass die Holzbretter nicht knarzen. Sie haben den Raum ausgebaut, direkt nachdem sie das Haus gekauft hatten, haben die heugrüne Steinwolle zwischen den Dachbalken unter weiß gestrichenen Rigipsplatten versteckt und einen Laminatboden verlegt, der Eschenholz imitiert. Sie wollten den Raum größer machen und ihm…

  • Rattenstaub

    Rattenstaub

    [1.241 Wörter] Das Leben lastet schwer auf mir. Es drückt mich nieder. Seit zwanzig Jahren ist das so. Vielleicht sogar seit fünfundzwanzig Jahren oder noch länger. Kann ich nicht sagen, denn anfangs gab es dafür kein Wort. Heute gibt es ein Wort, doch es ist längst hohl geworden. Was sagen schon Worte über Gefühle aus?…

  • Der Triumphzug des Versagers

    Der Triumphzug des Versagers

    [4.491 Wörter] Ich saß noch immer in dieser gottverdammten Wohnung, ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Sex und ohne irgendeine Idee, was ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen sollte. Vor einer Woche war mein Stiefbruder innerhalb von vier Wochen an Krebs gestorben. Verreckt! Er ist regelrecht an Krebs verreckt, erst wurde sein Blut vergiftet,…

  • Entgleisung

    Entgleisung

    [4.749 Wörter] Es war eigentlich schon aus gewesen. Pat hatte Schluss gemacht.“Du kommst einfach nicht aus dem Quark”, hat sie gesagt, und ich konnte das nicht von der Hand weisen. Sie war mittlerweile Master und auf dem Weg zur Psychotherapeutin, ich war noch immer Dauerstudent der Philosophie ohne jegliche Perspektive. Die Kluft zwischen uns wurde…

  • Dämmerlicht

    Dämmerlicht

    [1.525 Wörter] Hinter einer Fensterscheibe im zweiten Stock hockte eine graue Katze und starrte zu mir herunter. Ein Güterzug rumpelte über die Eisenbahnbrücke, in deren Schatten ich stand, und es hörte sich an, als würden die Stahlbögen gleich bersten. Die Katze schien die Erschütterung wahrzunehmen. Sie wandte kurz den Kopf, dann machte sie einen Satz…

  • Die Kunst des Nachgebens

    Die Kunst des Nachgebens

    [447 Wörter] Über ihren Oberkörper gebeugt kniete ich zwischen ihren gespreizten Beinen und presste ihre Arme gegen den Boden. Ihre Handgelenke waren schmal, fast fragil, und es kostete mich kaum Mühe, sie im Griff zu halten. Ich sah, wie sich ihr Brustkorb schnell hob und wieder senkte. Sie keuchte auf und zuckte, versuchte sich irgendwie…

  • Fettansatz

    Fettansatz

    [2.399 Wörter] Yves blickte in den Spiegel und begutachtete seine Statur. Er hatte ein wenig angesetzt, aber die breiten Schultern aus seiner Jugend waren noch da. Die nassrasierte Glatze, die er seit einigen Jahren trug, machte ihn gar kantig, schien ihm. Er stellte sich aufrecht hin und drückte die Brust raus. Noch fühlte er sich…

  • Lächelnder Untergang

    Lächelnder Untergang

    [1.389 Wörter] Es gibt Menschen, die ihr Leben lang Kind bleiben und das in einem guten Sinne. Diese Menschen wollen die Lektionen des Lebens nicht lernen, weil sie erkennen, dass sie dadurch nicht weiser werden, sondern lediglich schlechtere Menschen. Denn das, was wir Erwachsenwerden nennen, bedeutet in Wahrheit doch meistens nur anzufangen, sich und andere…

  • Aasfresser

    Aasfresser

    [3.375 Wörter] Bei Frechen führte die Strecke über einen Hügel und die Autobahn sah aus wie ein rot-weißes Leuchtband. Das aufgepeitschte Moderatorenduo im Radio kündigte den nächsten Popsong an, als wollten sie mir meine Müdigkeit unter die Nase reiben. Ich musste gähnen, was Günther sofort amüsiert kommentierte. „Das kennt der Student nicht, wie? Früh raus…

  • Ausfallschritte

    Ausfallschritte

    [362 Wörter] Das Haus gegenüber ist grau und kantig wie ein Bunker. Die einmal bunten Markisen sind ausgeblichen und voller Vogelkot. Er hat das Haus den ganzen Tag vor Augen und große Teile der Nacht, kennt mittlerweile jede Rille und jeden Riss, kennt seine Bewohner. Zumindest diejenigen, die ab und an auf die Balkone treten…

  • Chli stinke muess es!

    Chli stinke muess es!

    [2.874 Wörter] Ich stelle meinen Fünf-Franken-Kaffee auf den kleinen Tisch eines Viererbereichs und setze mich ans Fenster. Kurz darauf werde ich eingezwängt von einer Gruppe Senioren in Funktionsjacken und mit bester Wanderlaune. Es ist Dienstag und gerade mal halb neun, aber ich bin solche Ungeheuerlichkeiten mittlerweile gewohnt. Ich zerknülle die Tüte von meiner Brezel und…

  • Begraben

    Begraben

    [2.319 Wörter] Nach gut zweihundert Kilometern tauchte seine Heimatstadt das erste Mal auf einem der blauen Schilder am Straßenrand auf.„Es wird ernst.”Sie lachte.„Vielleicht sollten wir uns doch ein Zimmer im Zentrum nehmen”, sagte er.Sie legte ihre Hand auf sein Knie. „Mach dir nicht so viele Gedanken!” Sein Vater kam in verwaschener Jeans und Daunenweste ans…

  • Notiz 8

    —

    von

    in

    Die Welt schaut zu, als ein 58-Jähriger Mike Tyson gegen einen 27-Jährigen Youtuber antritt – ein „Profikampf“ unter erleichterten Bedingungen (kürzere Runden, weniger Runden, dickere Handschuhe). Was sagt das über unsere Zeit aus? Nichts Gutes. Jake Paul hat sich ein narzisstisches Paralleluniversum geschaffen, was mittlerweile völlig normal ist. Kanye West, Donald Trump, Elon Musk ……

  • Notiz 7

    —

    von

    in

    Ideal wäre (Text)Kritik im ursprünglichen Sinne. Kritisieren kommt schließlich von (unter)scheiden, trennen, und nicht von (be)urteilen oder bewerten, loben oder verdammen.  Eine Kritik ist damit immer relativierend; sie fragt: Was ist durch Unterschiede aufeinander bezogen und wie groß sind diese Unterschiede? Dies kann rein beobachtend geschehen.  Bewertungen sind also nur eine Sonderform von Kritik.  Eine positive Bewertung sagt: Es gibt kaum einen Unterschied zwischen…

  • Notiz 6

    —

    von

    in

    Vor einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass das allermeiste, was wir denken und sagen, nicht überprüfbare Behauptungen sind. Das zieht dem meisten, was auf der Welt gedacht und gesprochen wird, den Boden der Verbindlichkeit weg. Ganze „Wissenschaften“ zerfallen zu einem Geflecht aus Vagheiten und Möglichkeiten. Dass man streng genommen allem skeptisch gegenüberstehen muss, ist kein…

  • Notiz 5

    —

    von

    in

    Manchmal bin ich kurz davor, hinzuschmeißen. Es sind gar nicht die großen Dramen, die mich an den Rand der Verzweiflung treiben. Im Gegenteil, es ist der Terror des Alltags, dieser ganze Wahnsinn der heutigen Zeit. Dabei spielt die Technik, spielen „optimierte“ Prozesse eine tragende Rolle. In ihnen steckt Mephisto. Wenn man die eine App öffnen…

  • Notiz 4

    —

    von

    in

    Wir sind nur überlebensfähig, wenn wir Scheuklappen aufsetzen. Tun wir das nicht, prasselt zu viel auf unsere Sinne und unseren Verstand ein. Meistens sind wir stumpf und alles andere als erleuchtet. Aber manchmal gibt es diese hellsichtigen Momente, in denen wir erkennen, was für ein himmelschreiender Unsinn uns umgibt. Das Chaos und die Ungereimtheiten sind…

  • Notiz 3

    —

    von

    in

    Im Gegensatz zu Gen X und Y wachsen Gen Z und Alpha gänzlich ohne festen Kontext auf. Was wird das mit der Welt machen, wenn es keine gemeinsame Basis des Denkens mehr gibt? „Wir“ waren schon Medienjunkies, aber wir kannten noch so etwas wie Institutionen, waren diese auch teilweise unkonventionell. Wie die Simpsons, die das…

  • Notiz 2

    —

    von

    in

    Wir leben in Zeiten, in denen kein Sinn mehr herrscht für das Drama der Existenz. Stattdessen herrscht das Diktat des Glücks. Wer nicht glücklich ist, hat im Grunde sein Mitspracherecht verwirkt, denn der eigene Zustand beweist in diesem Fall das eigene Unvermögen. Was will uns schon jemand erzählen, der es nicht einmal schafft, aus seinem…

  • Notiz 1

    —

    von

    in

    Der Krieg wird abends verloren. Abends ist die Zeit des Stillstands und der Leere. Und abends ziehe ich mir Kartoffelchips rein und Schokolade und Gummibärchen und Bier. Was soll man auch sonst tun? Die Sonne ist untergegangen, die Geschäftigkeit des Tages ist aus den Straßen gewichen und alles, was bleibt, ist Passivität. Ob es das…

  • Grautöne

    Grautöne

    [5.716 Wörter] Am Montag im Büro fühlte ich mich abgeschlagen. Mein Husten war wieder schlimmer geworden. Hannah tippte wie eine Besessene auf ihrer Tastatur.„Kannst du bitte heute mal bei Tom wegen dem Artikel nachfragen?“, sagte sie.„Ja.“Ich öffnete meine To-do-Liste. „Check Tom“ stand darauf ganz oben. Ich überflog die anderen Aufgaben: „Teaser“, „Abrechnungen“, „Artikel Geschichte einpflegen“,…

  • Fortuna

    Fortuna

    [4.570 Wörter] „Lass mich mal!“, Lucas schob Said zur Seite. Er packte den Griff mit beiden Händen und ruckelte an dem roten Metallkasten.„Geht nicht! Der ist neu.“„Doch, ich hab’s gleich.“Er ruckelte heftiger und der Kasten knallte gegen das Geländer, an das er gekettet war.„Hör auf, Lan! Die Leute gucken schon“, sagte Said. Lucas liess den…

  • Resilienz

    Resilienz

    [2.431 Wörter] Wie’sch hier gelandet bin? Kannisch Ihnen sagen. Dat weißisch noch, als wäret gestern gewesen. Solsche Momente vergisst mannisch. Die prägensisch eim ein, fürs Leben. Schwa mit zwei Kumpelz unterwegs gewesen. Nach der Schull hamma uns imma in der Stadt rumgetrieben. Zu Hause waja keina. Die Eltern hammja gearbeit dammalz, nö? Waja schon so.…

  • Die gute alte Zeit

    Die gute alte Zeit

    [2.811 Wörter] Ja, an Weihnachten hab ich wirklich Scheisse gebaut. Auf gut Deutsch gesagt. Also es war nicht an Weihnachten selbst, sondern ein paar Wochen davor. War mit Kollegen was trinken, so als Art inoffizielle Weihnachtsfeier mit dem Vertriebsteam. Die Feier mit der ganzen Firma hatten wir ja schon Ende November, weil alle unbedingt wieder…

  • Das Universum ist makellos

    Das Universum ist makellos

    [2.293 Wörter] Im Grunde waren schon am ersten Abend Risse entstanden. Nachdem wir uns bei einem Kioskbier beschnuppert hatten, gingen wir in die kleine Jazzkneipe am Barbarossaplatz. Du hast mich überrascht, als du John Coltrane sagtest, nachdem bei einem Track die ersten Saxofontöne erklangen. Unsere Chemie hat direkt gestimmt und du sahst umwerfend aus in…

  • Dance for me

    Dance for me

    [2.974 Wörter] Ich steckte die Zigarette an. Du hast mit dem Rücken zum Publikum vor dem blutroten Samtvorhang gestanden, der die Rückwand der Bühne verhangen hat. Deine weisse Bluse und deine ansonsten schwarze Kleidung haben perfekt zu diesem Rot gepasst. Schwarz, weiss, rot – die kraftvollste aller Farbkombinationen. Sie trägt das Licht in sich, aber…

  • Die Mauer

    Die Mauer

    [2.620 Wörter] Ich stand gerade in Köln-Mülheim im Garten einer Villa und habe die Fugen aus einer alten Backsteinmauer geflext, als du mir geschrieben hast. Es war kalt an diesem Dezembertag und ich hatte mir beim Kiosk schon drei Mal Kaffee im Pappbecher geholt, um mich aufzuwärmen. Der Himmel war bedeckt und hinter der Wiese…

  • Orte und Wege

    Orte und Wege

    [1.841 Wörter] Ein paar Kilometer vor dem Schkeuditzer Kreuz kündigt ein blaues Schild über der Fahrbahn die nahende Ausfahrt an: Halle/Saale A14. Ich denke zurück an Shanghai, an den Nachmittag, an dem wir es erfahren haben. Ich habe im Gästezimmer deines Vaters auf dem Bett gelegen, als du aus dem Bad kamst.“Ich bin schon fast…

  • Auf der Schwelle

    Auf der Schwelle

    [7.542 Wörter] „Hey, Weiler!“, rief der Schlotz, aber der Weiler reagierte nicht.„Hey, Weiler!“, rief der Schlotz noch einmal, aber der Weiler reagierte wieder nicht.„Hey, Weiler!“, rief der Schlotz erneut, aber der Weiler reagierte immer noch nicht.Hundert Mal ging das so. Und irgendwann guckte der Weiler rüber und rief:„Mann, Schlotz, was willst du von mir?“Der Schlotz…

  • Die Struktur von Kartoffelbrei

    Die Struktur von Kartoffelbrei

    [3.783 Wörter] Es ist 11:30 Uhr an einem Dienstag. Seit einer Dreiviertelstunde grüble ich über einem Sudoku, aber ich komme einfach nicht auf die letzten paar Ziffern. Ich sitze weder in einem Zug, noch in einem Hörsaal, weder bei der Arbeit, noch in einer Hotellobby. Ich sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe…

  • Mein Kamerad, der Eisbär

    Mein Kamerad, der Eisbär

    [1.168 Wörter] Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg. Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter. Mir wurde mulmig. Ich sollte es lassen. Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden…

  • Nicht alles ist Liebe

    Nicht alles ist Liebe

    [469 Wörter] Als alle Tänze getanzt waren, trat ich auf die leeren Straßen von Berlin. Es war nebelig in diesen frühesten Morgenstunden und um die gelben Laternen waren Heiligenscheine aus Dunst. Zusammen mit meinem guten, alten Kumpel begann ich den Heimweg. Er hatte gerade noch eine Pille geschmissen und während wir nach einem Späti für…

  • Berliner Bierhaus

    Berliner Bierhaus

    [1.238 Wörter] Ein Novemberabend. Ich kehre in ein Bierhaus ein, um mir die Zeit bis zu einer Verabredung zu vertreiben und es warm zu haben. Ein Barhocker direkt vor der großen Scheibe zur Straße wirkt einladend. Die blonde Frau hinter dem Tresen nickt mir zu und kommt rum.„Hallo, was darf’s sein?“„Ich hätte gerne ein Pils vom Fass.“„Kriegste.“Während…