Schwarzer Sumpf

Short Stories

Filz

Die schwere Holztür fiel ins Schloss und es hallte im Hausflur nach. Karl war allein auf der Strasse. Er brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. In keinem Fenster der erhabenen Altbaufassaden brannte Licht und die Äste der Winterbäume stachen schwarz vom Himmel ab, der in Berlin nie ganz dunkel wurde. Er entsann sich, wo die nächste Hauptstrasse war, und setzte sich in Bewegung. Er spürte sie noch. An seiner Zunge spürte er sie und an seinen Fingerspitzen. Und an seinem Schwanz. Ihm war schlecht. Es war nicht nur der Alkohol. Wie hatte er nur wieder? Er zwängte sich zwischen zwei parkenden Autos durch und wechselte die Strassenseite. Wo hatte er die Ausfahrt verpasst? Stefanie hatte es geahnt. Sie hatte ihn gewarnt. Stefanie! Lag sie schlafend im Bett? Oder war sie wach? Bestimmt war sie wach und wartete auf ihn. Er wäre wach, wenn er an ihrer Stelle wäre. Sie hatte es geahnt. Er war ein Schwein. Er war so ein verdammtes Schwein! Und jetzt nach Hause fahren. Gott, war ihm schlecht. Er würde es keine Sekunde lang leugnen können. Er würde sie ansehen und sie würde es wissen. Auch beim ersten Mal hatte er nur zwei Tage lang durchgehalten. Es hatte ihn aufgefressen. Jede noch so kleine Interaktion mit ihr war ihm wie eine Schmierenkomödie vorgekommen, bis er es nicht mehr ausgehalten hatte. Sie hatten beide geweint. Seitdem suchte sie danach, in seinem Handy, in seinem Tagesablauf, vor allem aber in seinem Blick. Überall suchte sie danach, wenn auch heimlich. Doch Karl merkte es. Und er konnte es ihr nicht verübeln. Stefanie würde ihn gleich nur anzusehen brauchen und würde es wissen. Sofort würde sie es wissen. Sie hatte es ja schon geahnt. Bestimmt war sie nach der WhatsApp-Nachricht nicht schlafen gegangen. Sie war wach und wartete darauf, dass er das Schlafzimmer betrat. Wahrscheinlich stellte sie sich schlafend. Er sah sich sachte die Klinke herunterdrücken und einen Fuss auf das Laminat setzen. Ein leises Ächzen, tagsüber kaum wahrnehmbar, doch nachts so laut, als würde der Boden bersten. Er hatte ihr zig Mal geraten, sie sollte sich Ohrstöpsel kaufen. Aber sie wollte nicht. Absolute Stille machte sie verrückt, sagte sie. Also wurde sie immer wach, wenn er nach ihr ins Bett kam. Er würde hereinschleichen und sie würde ihn direkt fragen, warum er so spät nach Hause käme. Er würde keine Antwort haben. „Ist halt einfach spät geworden“, würde er sagen. Sie würde das Licht anknipsen und ihn mustern. Er würde ihrem Blick ausweichen und sie würde es wissen. Er wusste das alles schon und er wollte diesen Moment nicht erleben müssen. Es würde sie endgültig brechen. Aber wo sollte er hin? Er hatte nur ein zu Hause. Und er wollte auch nur nach Hause, in das alte zu Hause, wo alles noch in Ordnung war. Er liebte sie doch. Reichte das nicht? Er dachte daran, wie er ihr vorhin die Filzpantoffeln gekauft hatte. Er wusste, er hatte ein gutes Weihnachtsgeschenk gefunden, und er hatte sich auf den Moment gefreut, wo sie das Paket auspacken und die Pantoffeln das erste Mal anziehen würde. Jetzt waren sie wertlos. Er wurde traurig. Stefanie würde ihn verlassen. Sie würde erst zerbrechen und ihn dann verlassen. Die Pantoffeln konnten daran auch nichts mehr ändern. Wo waren die eigentlich? Ihm wurde gewahr, dass er gar keine Tüte in den Händen hielt. Er musste sie liegengelassen haben, in der Bar oder … oder bei ihr. Hatte er sie bei ihr noch dabeigehabt? Er fand keine klare Erinnerung, aber irgendwie war ihm so. Ausgerechnet! Seine Scham wurde unermesslich. Er war wirklich ein Schwein! Auch das noch! Nun lag Stefanies Geschenk ausgerechnet bei ihr herum. Bestimmt würde sie das Paket auspacken und die Pantoffeln tragen. Bestimmt! Warum auch nicht? Sie hatte seine Nummer nicht und würde ihn nie wiedersehen. Und von Stefanie wusste sie nichts. Vielleicht ahnte sie etwas. Aber was kümmerte diese Frau seine Freundin? Die Vorstellung, dass fortan sie die Pantoffeln tragen würde, ekelte ihn an. Aber es war zu spät. Was konnte er tun? Sollte er zurückgehen? Ihr noch einmal gegenübertreten? Unmöglich. Würde er überhaupt das Haus wiedererkennen? Wissen, wo er klingeln musste? Vermutlich nicht. Die Pantoffeln waren weg, verbrannt für immer. Er würde Stefanie nichts von ihnen erzählen dürfen. Niemals! Egal, was er sonst erzählen würde, das musste er für sich behalten. Sie dürfte unter keinen Umständen erfahren, dass er ihre Pantoffeln bei dieser Frau hatte liegen lassen. Sollte er ihr ein neues Paar kaufen? Vielleicht gab es ja doch noch eine Chance für sie. Selbst wenn! Das Wissen um die wahren Begebenheiten würde ihn auffressen. Jedes Mal, wenn er die Pantoffeln an Stefanies Füssen sehen würde, würde er daran erinnert werden, wo er das erste Paar hatte liegen lassen. Es war gut, dass er die Pantoffeln vergessen hatte. Wahrscheinlich hätte er sie eh um die Ohren gehauen bekommen. Karl erreichte die Hauptstrasse und wandte sich nach Süden. Er erinnerte sich an den Moment, wo er es entschieden hatte. Er hatte vor der Bar gestanden und eine letzte Zigarette geraucht. Seine Kollegen waren bereits nach Hause gegangen. Auch er hatte nur noch seine Jacke holen und gehen wollen. Aber da war diese kurze Begegnung an der Theke gewesen, die ihn nicht losgelassen hatte. Er hatte eine Runde geholt und auf der anderen Seite der Theke hatte eine Frau gestanden. Während ein Mann auf sie einredete, hatte sie zu ihm herübergesehen, mit den Augen gerollt und gelächelt. Karl hatte zurückgelächelt. Weiter war nichts passiert. Er hatte die Gläser gepackt und war zurück an den Tisch gegangen. Er hatte versucht, diesen Moment nicht ernst zu nehmen, sich auf die Gespräche am Tisch zu konzentrieren, an Stefanie zu denken, wie sie eingekuschelt in ihre Decke auf der Couch lag und ihre Serie schaute, vor sich eine Tasse Tee und ein paar Rocher. Aber es hatte nichts genützt, seine Gedanken waren stets zurück an die Theke gewandert. Karl wusste genau, dass es mehr als ein Lächeln gewesen war, das die Frau ihm zugeworfen hatte. So eine klare Einladung war selten. Viele Männer kamen in ihrem Leben nie in so eine Situation, vermutete er. Ihm war es auch nur ein paar Mal passiert. Danach war es immer sehr schnell gegangen. Normalerweise lächelten Frauen nicht so. Stefanie konnte gar nicht so lächeln. Man musste sich schon wirklich dumm anstellen, um so eine Gelegenheit noch in den Sand zu setzen. Ein paar Sätze wechseln. Das reichte schon. Die Sätze mussten nicht einmal besonders klug sein. Oder witzig. Einfach nur höflich mussten sie sein, und Selbstsicherheit ausstrahlen. Das war alles. Frauen, die so lächelten, hatten sich längst entschieden. Darum war es ja auch so leicht, ihnen selbstsicher gegenüberzutreten. Es gab kein Risiko. Man musste kein Wagnis eingehen. Es galt einfach nur die Einladung anzunehmen. Karl ging wieder herein. Sie stand immer noch an der Theke. Erst jetzt sah er ihren ganzen Körper. Sie war etwas fülliger, aber das störte ihn nicht. Stefanie war dünn. Ein wenig zu dünn, fand er. Sie folgte seit geraumer Zeit irgendwelchen Fitness-Tussis im Internet und veranstaltete einen regelrechten Kult um ihre Mahlzeiten. Gesunde Fette hier, frische Sprossen dort. Sport machte sie auch. Die Kurse, die sie besuchte, hatten absurde Namen wie „Bodypump“ oder „BOP“. Manchmal trainierte sie zu Hause mit Anleitungen auf Youtube. Karl sah, dass sie sich Mühe gab. Doch wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass ihre Bewegungen recht linkisch aussahen. Elegant war das alles nicht. Das sagte er Stefanie natürlich nicht, vielmehr rührte ihn ihre Unbeholfenheit. Die Frau war nicht überrascht, ihn zu sehen. Sie ging offensiv zu Werke. In diesem Masse hatte er das noch nicht erlebt. Diese Frucht musste man wirklich nur pflücken. Und das tat er. Mit dem Moment der Entscheidung verschwand Stefanie aus seinem Kosmos. Oder besser: Er verliess den Kosmos, in dem Stefanie lebte. Und betrat eine Welt, in der falsch richtig ist und umgekehrt. Karl im Wunderland. Noch auf dem Weg zu ihr zog er sie in einen Hauseingang. Er küsste sie mit einer Heftigkeit, die ihm im Alltag völlig fremd war. Dann fasste er ihr an den Arsch und an die Titten, so als würden ihm diese Körperteile fortan gehören. Sie packte seinen Schwanz, der schon in der Bar hart geworden war. Karl setzte seinen Einmarsch fort und fühlte, dass sie feucht war. Er zog ihre Strumpfhose ein Stück herunter und schob ihr zwei Finger in die Muschi. Sie stöhnte. Bei Stefanie musste er immer ganz sachte vorgehen. Ihre Lust zu wecken, war wie ein Soufflé zu backen. Karl musste erst eine ganz bestimmte Menge verschiedener Zutaten zusammenbringen und einem genauen Ablauf folgen. Machte er dabei nur einen kleinen Fehler, fiel alles in sich zusammen, und sie endeten schweigend auf der Couch. Bei dieser Frau interessierte ihn überhaupt nicht, was ihr gefiel. Er nahm sich. Und genau das gefiel ihr. Er hätte nicht sagen können, woher er es wusste, aber er war sich sicher, dass sie es hart mochte. Er packte ihr Gesicht und presste ihre Wangen zusammen: „Gefällt dir das?“
Sie nickte. Er presste fester. „Ach, ja? Das gefällt dir also, in Bars gehen und dich von fremden Männern ficken lassen?“
Sie stöhnte: „Oh, ja!“
Er fasste sie an den Schultern und drehte sie um, knöpfte sich die Hose auf und riss ihre Strumpfhose herunter. Sie stöhnte laut auf. „Nicht! Nicht ohne …“
„Psssst!“, machte er und begann zu stossen. Karl stand jetzt mit einer Peitsche in der Hand am Rand einer Grube und liess knallende Hiebe auf den Rücken eines Mannes knallen, der ebenfalls Karl war.
„Nicht!“, hauchte sie leise.
„Kein Angst, ich zieh ihn rechtzeitig raus“, sagte er und machte weiter, bis er merkte, dass es ihm gleich kommen würde. „Ist es noch weit zu dir? Ich will dich richtig ficken.“
„Nein, nicht weit“, sagte sie. Sie wirkte leicht benommen.
„Gut! Lass uns gehen.“
Er nahm sie lange. Sie war längst so feucht, dass er gar nichts mehr spürte. Jede Reibung war weg. Er warf sich mit seinem ganzen Körper in sie und wurde dennoch butterweich empfangen.
„Bist du gekommen?“, fragte er.
„Oh, ja! Mehrmals.“
Er zog seinen Schwanz heraus. Das Kondom glitt ab, als wäre es geölt worden.
„Ich will dir in den Mund spritzen“, sagte er.
Sie nickte und hauchte: „Ja!“
„Mach du!“, sagte er.
Er kam mit Wucht. Augenblicklich gingen tausend Flutlichter an. Sie katapultierten Karl zurück in die Richtig-Richtig-Falsch-Falsch-Welt. Stefanie! Jetzt war sie wieder da. Sie stand mit tieftraurigem Blick neben dem Bett und sah Karl an, wie er mit erschlaffendem, geröteten Schwanz vor dieser Frau stand, leer und schwach und würdelos.
Die Frau liess sich aufs Bett fallen. „Wow!“
Sie machte keine Anstalten, sich zu reinigen. Karl hingegen suchte mit den Augen das Zimmer nach Tüchern ab. Als er keine entdeckte, fragte er nach dem Bad und ging sich waschen. Mehrmals nahm er von der Seife nach. Er roch an seinen Fingern. War auch alles ab? Er konnte es nicht sagen.
„Willst du nicht hier schlafen?“, fragte sie, als er wieder ins Zimmer kam und seine Sachen zusammensuchte. „Wir könnten morgen noch mal …“ Sie lächelte.
„Nein, ich muss nach Hause“, sagte er.
Er zog sich an und verabschiedete sich mit leeren Floskeln von der Frau, die ihm eben noch ein Universum bedeutet hatte. Tastend bewegte er sich durch den dunklen Hausflur, der mit einem Kinderwagen und anderen Gefährten vorgestellt war. Karl wollte kein Licht machen. Schliesslich fand er die Haustür und zog sie auf. Sie war schwer. Ein eisiger Luftstrom schlug ihn ins Gesicht. Gerne wäre er für immer in diesem Flur geblieben, aber er musste hinaus, nach Hause.


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