Schwarzer Sumpf

Short Stories

Notiz 18

Ich war schon fast zwei Jahre arbeitslos, als ich endlich eine Chance zur Rehabilitation erhielt. Ein Hersteller von Heizungs- und Wassertechnik brauchte eine sechsmonatige Vertretung für einen ihrer  Online-Marketing-Manager, der ein Sabbatical in Asien machte. Wenn man über 300 erfolglose Bewerbungen geschrieben hat, ist man nicht mehr wählerisch, auch wenn im Bewerbungsgespräch eine Red-Flag nach der anderen gehisst wird: trister Büroriegel direkt hinter einem Schweizer Provinzbahnhof, leere, konformistische Flure mit einer Rohrpost und eine stocksteife HR-Tante – das ganze Unternehmen schrie “Stillstand” und “Selbsttäuschung”. Ich redete mir die Lage schön; immerhin war das Gehalt ganz gut und meine direkte Teampartnerin schien in Ordnung. Es wurde ein Fiasko. 

Schon nach ein paar Tagen war mir klar, dass meine anfangs noch ganz fresh wirkende Kollegin in Wahrheit eine überspannte, aufgeblasene und biedere Mutti war. Meine beiden Chefinnen waren nicht besser. Da gab es meine direkte Vorgesetzte, deren stechender Blick mir vom ersten Tag an sauer aufstieß. Manchmal schien er mir auffordernd und fast lüstern, manchmal las ich darin hingegen sadistische Verachtung – einen Verdacht, den sie dadurch nährte, dass sie bei jeder Gelegenheit spöttisch-abwertende Kommentare in meine Richtung abfeuerte. Und dann war da noch die Abteilungsleiterin, eine blond gefärbte und graugesichtige Halbgriechin, die sich kleidete wie eine Teenagerin in den Neunzigern, obwohl sie längst die Fünfzig hinter sich gelassen hatte. Wenn sie unten auf dem Parkplatz stand und gierig ihre Filterzigaretten inhalierte, waren ihr Knie eingeknickt und die Arme vor der Brust verschränkt. Ich konnte ihre Unsicherheit gut nachvollziehen, denn sie war fachlich völlig inkompetent und musste wohl ständig befürchten, dass dies noch augenfällig wurde, als es ohnehin schon war.

Meine Arbeit war kafkaesk. Ich sollte die Reportings des Vertretenen fortführen, allerdings hatte er lediglich völlig wirre, dutzende Seiten lange PDFs zusammengekleistert und nach oben geschickt. Offensichtlich reichte dieses sinnlose Flickwerk der Chefetage. Aber ich wusste nicht, wie um Himmels Willen ich diesen unsystematischen Mist nachzeichnen sollte. Es war ein über Jahre gewachsenes Wirrwarr aus Abkürzungen und Querbezügen, das nur verstehen konnte, wer sich diesen Wahnsinn ausgedacht hat. Und immer wenn ich bei den Chefinnen um genauere Anweisungen fragte oder wissen wollte, welche Zahlen sie denn von mir bräuchten, wurde ich wieder mit den entsprechenden Dokumenten bombardiert. 

Irgendwann entschied ich, dass ich dann wohl ganz von vorne anfangen musste. Ich setzte mich also hin und vollzog jede einzelne Kampagne haarklein nach. Und mit jedem Puzzlestück, das ich einsetzte, wurde das Gesamtbild klarer: Die Agenturen hatten vollkommenen Murks verzapft und das Werbebudget mit fehlerhaften Einstellungen ergebnislos verbrannt, wobei das intern offensichtlich niemandem aufgefallen war.Ich war tatsächlich so blöd, meine detektivischen Erkenntnisse für ein Pfund zu halten, mit dem ich nun wuchern konnte. Ich holte mir die einzige kompetente Person auf Agenturseite zur Seite und wir stellten über mehrere Nachmittage hinweg ein granulares Reporting über all die Fehler zusammen, die gemacht worden waren.

Doch als ich meine Chefinnen mit der gebotenen Drastik von allem berichtete, wurden sie wütender und wütender auf mich. Was man denn jetzt bitte mit all diesen Erkenntnissen anfangen sollte, wollten sie von mir wissen. In zwei Wochen würde man in der Geschäftsleitung die Strategie fürs kommende Jahr erwarten, da käme das nun alles zur Unzeit! Ich sollte doch bitte nun einfach die angefragten Reportings erstellen! Kurz: Sie konnten oder wollten nicht verstehen, dass ihr gesamtes Online-Marketing aus Potemkinschen Dörfern bestand und im Grunde auch einfach eingestellt werden konnte. Für mich war das alles absurd und warf mich außerdem wieder auf mein Ursprungsproblem zurück: die zu aktualisierenden, wahnwitzigen Reportings, mit denen ich noch immer rein gar nichts anzufangen wusste.   

Da reichte es mir und ich redete Tacheles, was die Abteilungsleiterin ihrerseits völlig auf die Palme brachte. Sie brüstete sich mit ihrer jahrzehntelangen Branchenerfahrung sowie mit den Millionenumsätzen des Unternehmens und fragte mich, ob ich sie denn alle für Idioten hielte und mich für den einzigen, der alles besser wüsste. Darauf konnte ich nichts sagen, denn genau so war es ja: Ich hielt tatsächlich die gesamte Abteilung für eine Ansammlung von arroganten und völlig ahnungslosen Stümpern, die in ihrer aus der Zeit gefallenen Schweizer Wohlstandsblase mit Scheuklappen stur vor sich hintrotteten. Ich wurde daraufhin entlassen, was trotz allem natürlich eine weitere persönliche Niederlage war: Nicht mal einen sechsmonatigen Vertretungsjob hatte ich halten können. Ich erzählte meinen Eltern nichts davon, sondern tat so, als wäre ich bis zum letzten Tag dort angestellt gewesen. Es war das erste Mal, dass ich meine Eltern so systematisch anlog, weil es mir peinlich war und ich keine Lust auf die besorgten und vorwurfsvollen Gespräche hatte, die mein Geständnis ausgelöst hätte.


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