Schwarzer Sumpf

Short Stories

Orte und Wege

Ein paar Kilometer vor dem Schkeuditzer Kreuz kündigt ein blaues Schild über der Fahrbahn die nahende Ausfahrt an: Halle/Saale A14. Ich denke zurück an Shanghai, an den Nachmittag, an dem wir es erfahren haben. Ich habe im Gästezimmer deines Vaters auf dem Bett gelegen, als du aus dem Bad kamst.
“Ich bin schon fast eine Woche drüber.”
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen. Dann habe ich dich beruhigt, obwohl mir direkt klar war, dass es sehr gut möglich war. Wir verhüteten praktisch nicht. Ich dachte, auch dir sei klar gewesen, wie riskant das war. Aber jetzt wirktest du konsterniert.
“Das muss noch nichts heissen”, habe ich gesagt.
Du hast geschwiegen.
“Ich will einen Test machen”, hast du schliesslich gesagt.
“Wir sind doch nur noch ein paar Tage hier. Lass uns das doch in Deutschland machen”, habe ich geantwortet. Mir schien es keinen Grund zur Eile zu geben.
“Nein, ich will sofort einen Test machen!”

Wir verliessen das Appartementhaus, wo die Firmenwohnung deines Vaters lag, und gingen durch die Strassen des Viertels, bis wir eine Apotheke fanden.
“Pregnancy test, please”, hast du gesagt und vorsorglich noch mit der Hand eine Kugel vor dem Bauch geformt. Die Chinesin hat dich direkt verstanden. Als du zu Hause wieder aus dem Bad kamst, hast du die Zimmertür geschlossen und gesagt, “Ich bin schwanger!”
Ich weiss nicht mehr, ob du gelacht hast oder nicht.
“Ach, komm!”, habe ich gerufen. “Verarsch mich nicht!”
Ich bin aufgesprungen und habe mir den Test angesehen. Es war so, der Streifen zeigte es an. Du hast dich auf das Bett gesetzt. “Das glaube ich nicht!”
Ich habe mich neben dich gesetzt und den Arm um dich gelegt. “Hey, das heisst noch nichts. Auf so einen chinesischen Schrotttest würde ich mich nicht verlassen.”
“Ja.”
“In Deutschland machen wir einen richtigen Test.”
Du hast genickt, doch dann bist du wieder aufgewacht. “Was soll denn an einem deutschen Test anders sein?”
“Weiss auch nicht”, habe ich gesagt. “Aber wir haben auch noch den billigsten gekauft. Ich weiss wirklich nicht, ob der verlässlich ist.”
“Dann gehen wir jetzt noch einmal zur Apotheke und kaufen den teuersten!”

Als wir erneut durch die Strassen gingen, habe ich deine Hand gehalten. Du hast den gelben Tüllrock aus deiner letzten Kollektion getragen und wirktest plötzlich so jung und verloren, wie du es wahrscheinlich auch warst. Dreiundzwanzig und am anderen Ende der Welt, schwanger von einem Mann, den du im Grunde kaum kanntest. Wir redeten nicht. Die Chinesin hinter dem Counter liess sich nichts anmerken, als wir den zweiten Test kauften.
“Ich bin wirklich schwanger”, hast du gesagt, als du das dritte Mal aus dem Bad kamst.
Ich bin aufgestanden. “Zeig her!”
Der zweite Test bestätigte das Ergebnis. Ich habe dich an mich gedrückt und dich geküsst.
“Du bist wirklich schwanger, Baby!”, habe ich dir ins Ohr geflüstert. Es fühlte sich an wie etwas, das eigentlich gar nicht passieren konnte, zumindest mir nicht. Noch während ich meine Gedanken sortierte, stieg in mir ein überwältigendes Glücksgefühl auf. Ich wollte jubeln, schreien, meinen Freunden schreiben und meiner Familie, aber ich tat es nicht, denn ich sah, dass du dich nicht so gefreut hast wie ich. Für dich war es ein echter Schock.
“Und jetzt?”, habe ich dich leise gefragt.
“Ich weiss es nicht. Ich bin völlig durcheinander.”
“Ich auch. Aber das ist wohl normal. Wir bekommen ein Kind!”
“Ja”, hast du gesagt und dann hast du gelächelt. “Ich glaub’s nicht!”
Du hast mich umarmt und deinen Kopf an meine Brust gelegt. Ich habe dir übers Haar gestreichelt. “Ich liebe dich!”
“Ich liebe dich auch!”, hast du mir geantwortet.
Wir haben uns geküsst. Und dann hast du gesagt, “In Deutschland muss ich direkt zum Arzt. Und bis dahin sagen wir niemanden was. Ok?”
“Klar nicht.”

Als du abends beim Essen auf den Wein verzichtet hast, ist keinem was aufgefallen. Dein Vater war mit seinen Gedanken wie immer bei der Arbeit. Und seine Freundin hat auch nicht darauf geachtet. Nach dem Essen bin ich allein auf den Balkon gegangen und habe die unzähligen Lichter in den Fenstern betrachtet. Ich habe mir vorgestellt, wie eine Kamera mich filmt und dann herauszoomt: Von mir auf dem Balkon raus auf das Haus zwischen all den anderen Häusern und dann raus auf die leuchtende Stadt in einem Meer aus Dunkelheit. Und am Ende raus auf den nächtlichen Erdball im Nichts. Unermesslich, so wie das, was mir gerade passierte. Mein Leben lang hatte ich die Vorstellung, einmal Vater zu werden, als absurd betrachtet, als etwas, was im Grunde undenkbar war, zu gewichtig, zu folgenreich, zu fordernd. Und doch hatte ich mich mit dir auf das Risiko eingelassen, hatte allen Bedenken zuwidergehandelt, denn du warst die Frau für mich. Schon als ich dich im Stadtgarten das erste Mal sah, fühlte ich mich sicher bei dir.
Ich war das erste Mal im Leben allein ausgegangen. Nüchtern und vollkommen klar im Kopf war ich gegen Eins allein in den Club gegangen, nachdem ich den ganzen Abend über ein Gefühl von Aufbruch und Leichtigkeit verspürt hatte. Ich hatte draussen an der Garderobe meine Jacke abgegeben und war hineingegangen in die Lobby, wo auch die eine Bar war. Ich hatte mich zwischen die Wartenden gequetscht und dich auf der anderen Seite des Tresens stehen gesehen. Ein Mann hatte dich angesprochen, aber du hast stattdessen zu mir rübergesehen, und wir haben uns angelächelt. Keine Stunde später haben wir draussen im Park miteinander geschlafen, auf der Plattform des Klettergerüsts, du mit gerafftem Wickelrock auf mir.
Für dich wäre es vielleicht dabei geblieben, aber ich wollte dich nicht gehen lassen, ich wollte dich richtig spüren, ohne das harte Holz im Rücken. Also sind wir mit dem Taxi zu mir gefahren. Weil du solchen Hunger hattest, habe ich dir Tee gekocht und die Reste meines Abendessens aufgewärmt. Und so hast du mir morgens um Drei in meiner Küche gegenübergesessen und Spaghetti in dich hineingestopft und ich habe mich in dich verliebt, noch bevor wir uns das erste Mal bei Tageslicht gesehen haben.
Am nächsten Morgen habe ich dich zum Südbahnhof gebracht. Wir mussten im Volksgarten über die Wiese laufen, weil wir spät dran waren, und deine braunen Lederschuhe sind nass geworden, was dich geärgert hat. Auf dem Bahnsteig habe ich dich nach deiner Nummer gefragt und du hast sie mir gegeben, auch wenn du wohl nicht geglaubt hast, dass wir uns jemals wiedersehen würden. Aber ich habe dir schon am nächsten Tag geschrieben und schon ein paar Wochen später bin ich zu dir nach Halle gefahren und habe eine ganze Woche bei dir verbracht. Du hattest wenig Zeit, weil du dabei warst, eine Kollektion für die jährliche Modeschau an der Akademie fertigzumachen, und ich verbrachte die Tage mit deinen Kommilitoninnen auf dem Campus oder allein in der Stadt, und fühlte mich wie der König der Welt.
An einem späten Nachmittag sind wir zu einem kleinen See gefahren, wo ausser uns nur ein paar Jugendliche waren. Als die Sonne unterging, standen wir auf einem Felsen und blickten auf das golden glitzernde Wasser. Wir umarmten uns und ich wusste, dass ich dich liebe.
Später, am Abend sagte ich dir, dass dieser Moment da am See der schönste in meinem Leben war, und du hast zu weinen begonnen und mir gesagt, dass das nichts mit uns wird. Aber ich bin bei dir geblieben und wir wurden doch ein Paar. Und jedes Mal, wenn wir uns danach wiedergesehen haben, bist du strahlend auf mich zugelaufen und in meine Arme gesprungen, auch als ich drei Wochen nach dir in Shanghai ankam. Dass du nun die Mutter meines Kindes werden würdest, fühlte sich so richtig an. Keine andere wäre dafür in Frage gekommen. Du warst die erste Frau, um die ich mich wirklich bemüht habe, die erste, bei der ich mich freier gefühlt habe und nicht noch gefangener als ohnehin schon, die erste, die wirklich ihren eigenen Kopf hatte, die erste, die ich neidlos bewundern konnte, weil sie in so anderen Dingen talentiert war als ich. Du warst oft selbst wie ein Kind, ungezwungen, ehrlich, frei, egoistisch, von deiner Lust gesteuert und manchmal von ihr beherrscht. Darum überliess ich mich so sorglos dem Schicksal, ging auf unser unbekümmertes Spiel ein. Sollte doch passieren, was passieren sollte! Und nun war es eben passiert und es war gut so! Wir würden ein Kind bekommen, ein Kind, das in Liebe gezeugt worden war. Ich wusste, ich würde dieses Kind mehr als andere auf der Welt lieben, egal, was aus uns beiden einmal werden sollte. Und da das so war, hatte ich keinerlei Angst vor der Zukunft. Das erste Mal überhaupt in meinem Leben fühlte sich etwas vollkommen richtig an, wie etwas, das sich meinem Verstand komplett entzog und dem man sich nur fügen konnte.

Am nächsten Tag fuhren wir mit der Metro zu einem Museum. Du sasst zwischen all den schwarzhaarigen Menschen mit ihren Smartphones, über dir auf einem Bildschirm die immer gleichen Bilder von Xi Jinping, wie er bei einer Parade aus einem Cabrio winkte. Du sasst ganz ruhig da, aufrecht und ruhig, die Hände in deinem Schoss gefaltet, und es sah ein wenig so aus, als würdest du deinen Bauch halten. Ich begriff: Ab jetzt war alles anders. Du warst mit einem Schlag zu meiner Frau geworden, zu der Frau, die unser Kind unter ihrem Herzen trug, und ich wusste, dass auch ich ab jetzt meinen Teil zu leisten hatte. Ab sofort würde ich ein Mann sein müssen, ein Mann, der für seine Frau und sein Kind sorgt. Ich fühlte mich bereit dazu, es fühlte sich gut an, wie eine Notwendigkeit, die jede Menge Probleme auflösen würde. Es war klar, dass ich zu dir nach Halle ziehen würde, denn dort war das Leben günstig und einfach. Wir würden in einer Altbauwohnung wohnen, vielleicht in einer im Erdgeschoss, sodass man den Hinterhof nutzen konnte. Dort würden wir mit deinen Freunden und unseren Kindern grillen. Wir würden dort unser Lastenrad abstellen und du würdest in einem Hochbeet ein bisschen Gemüse anbauen, damit unser Kind lernt, woher das Leben kommt. Ich würde mir einen Vollzeitjob suchen, einen, der genug abwarf, dass wir gut über die Runden kamen. Zur Not würde ich in Leipzig arbeiten. Du würdest erst einmal zu Hause bleiben, aber wahrscheinlich schnell wieder an die Akademie zurückwollen, um deinen Abschluss zu machen. Dann würdest du dich selbstständig machen, vielleicht würde dein Atelier direkt im Hinterhof untergebracht sein, in einem Schuppen oder einem Anbau, so einem mit Metalltür und Bleirahmen um die dünnen Fensterscheiben. Oder du würdest es hinten in deinem Laden unterbringen, vorne der Verkaufsraum für deine Kleider, hinten das Atelier. All das malte ich mir damals in der Bahn schon aus, dabei war es mir ganz egal, wie genau die Dinge kommen würde. Wir würden für alles eine Lösung finden. Ich war optimistisch und blickte voller Vorfreude in die Zukunft.

Beim Schkeuditzer Kreuz bleibe ich auf der A9. Berlin 168 km steht auf einem blauen Schild neben der Fahrbahn. Ich denke daran, wie ich die Flamme an die Ecke des Ultraschallbildes gehalten habe. „Wir brauchen irgendeinen Abschluss“, hast du gesagt.


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