Maskulinität war schon immer ein großes Thema für mich. Und wie alle Männer habe ich Probleme damit, die für mich passende Form von Männlichkeit zu definieren. Ich fürchte, mir gelingt das insgesamt nicht so gut, auch wenn es von außen anders aussehen mag. Ich bin groß gewachsen, nicht der Schmalste, habe einen dunklen, relativ dichten Bartwuchs und auch sonst recht viele Haare am Körper. Meine Stimme ist zwar nicht besonders tief, aber ganz sicher auch nicht hell. Kurz: Ich kann einige Attribute aufbieten, die als typisch “männlich” gelten und für ein paar Vorteile im Leben sorgen.
Einiges von dem, was ich ausstrahle, geht auf meine eigenen Entscheidungen und Taten zurück: Ich bin es, der seinen Körper trainiert, sodass er einigermaßen breit gebaut ist; ich bin es, der sich einen Bart stehen lässt, was mein Gesicht markanter macht, als es eigentlich ist; ich bin es, der Klamotten auswählt, die als klassisch-maskulin gelten. Man kann also sagen, dass ich nicht nur männlich bin, sondern auch so wirken will.
Mit “weichen” Männern habe ich manchmal meine Probleme, auch wenn ich das eigentlich nicht will. Aber irgendetwas in mir ist irritiert, wenn sich Männer eher “feminin” kleiden und verhalten. Eine innere Stimme fällt dann teils krasse Urteile über sie, für die mich eine andere Stimme sofort scheltet. Sie sagt mir: Sei ohne Vorurteile und sieh einfach den Menschen vor dir! Aber Anknüpfungspunkte finde ich meistens trotzdem keine.
Gleichzeitig kann ich Männer, die ihre Männlichkeit ausstellen, meistens nicht leiden. Ich fühle mich von ihnen genervt, vielleicht sogar bedroht, ganz sicher aber herausgefordert. Und ich finde demonstrative Männlichkeit lächerlich. Die ganze sogenannte “Bro-Kultur” ist mir fremd, ich kann mich nicht mehr innerhalb der Fangemeinden irgendwelcher Sport-Clubs wiederfinden und auch subtilere Kraftmeierei wie Wein- oder Whiskey-Liebhaberei oder so etwas ist mir fremd. Und doch bin ich fasziniert von allen sogenannten “Männerdomänen”, wie man sie in Boxclubs, Gefängnissen oder dem Militär findet.
Das klingt alles sehr widersprüchlich und ich denke, das ist es auch. Daran ist “die Gesellschaft” schuld. Sie hat uns alle fest verankerten Rollenbilder genommen und keinen adäquaten Ersatz gegeben. Darum hängen wir nun alle in der Luft. In der Frauenwelt sieht es ja genauso wirr aus.
Das größte Problem habe ich aber noch gar nicht angesprochen: die Toxizität, die Männlichkeit (angeblich) immer mit sich bringt. Ich habe da mittlerweile eine klare Position für mich gefunden. Ich denke, im Großen und Ganzen haben die Frauen recht, die mittlerweile allen Männern misstrauisch bis hin zu ängstlich gegenüberstehen. Man mag mich Nestbeschmutzer nennen, aber ich hatte wirklich genug mit Männern aller Art zu tun, um zu wissen, dass mediale Skandale tatsächlich nur die Spitze eines Eisbergs sind. Und nicht zuletzt bin ich selbst ein Mann und weiß, was für Gedanken und Impulse manchmal in mir aufkommen.
Das Diabolische an der Toxizität ist, dass sie für uns Männer identitätsstiftend ist. Darum auch die ganzen krassen Abwehrreflexe und Rationalisierungen. Wenn man an uns wirklich die Forderung stellen würde, dass wir die Welt gefälligst gewaltfrei, gerecht und inklusiv gestalten sollen, können wir kollektiv einpacken. Es bleibt nichts von uns übrig! Diese Bedrohungslage kann ja nur eskalieren.
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