Schwarzer Sumpf

Short Stories

Notiz 15

Ich lernte C. auf eine Art und Weise kennen, wie man heutzutage wohl kaum noch jemanden kennenlernt, und zwar um drei Ecken: Nachdem ich nach einer Indienreise zurück in meine Heimatstadt Köln gekommen war, um dort ein Studium zu beginnen, fand ich Arbeit in einer Kneipe. Dort kam irgendwann ein wunderschönes Mädchen herein, das mir bereits an der Universität aufgefallen war. Sie war mit einer meiner Kellnerkolleginnen befreundet. Wir verstanden uns ganz gut und sie machte mir Komplimente, wo es doch an mir gewesen wäre, ihr Komplimente zu machen. 

Eines Tages gingen wir gemeinsam auf einen Flohmarkt, um dort Krempel zu verkaufen, der mir bei einer Entrümpelung in die Hände gefallen war. Ich wusste nicht genau, was dieser gemeinsame Tag für sie bedeutete, aber irgendwie sprang für mich der Funke nicht über. Danach trafen wir uns eher abends, wenn auch andere Leute dabei waren. Ein Freund von mir fand gefallen an ihr, und als er mich fragte, ob er freie Fahrt hätte, gab ich ihm grünes Licht. 

Mir war damit natürlich nicht geholfen und es kratzte ein wenig an meinem Ego, zumal auch eine andere Geschichte nicht in Gang kam und schließlich ganz versandete. Ich war frustriert und das Mädchen von der Uni merkte das. Also versuchte sie mich mit einer Freundin von ihr zu verkuppeln, aber die gefiel mir nicht. Doch eines Abends war noch eine andere Freundin der beiden dabei: C.! 

Auch C. war in den Wirren der Zwanziger verfangen, weswegen ich einen Nebenbuhler hatte, der auch noch denselben Vornamen trug wie ich. Ich gab mich nonchalant, so als wäre dieser Kerl keine Konkurrenz für mich. Und dieses Mal machte ich das Rennen. Als wir eines Nachts vor ihrer Haustür saßen und froren, lud ich mich selbst zu ihr nach oben ein. Wenigstens das hatte ich damals schon begriffen: Im Krieg und in der Liebe ist vielleicht nicht alles erlaubt, aber ohne ein paar Listen kommt man selten ans Ziel. Nach dieser ersten gemeinsamen Nacht war von meinem Namensvetter nur noch als Spottobjekt die Rede. 

Rückblickend frage ich mich ein wenig, was mir an C. gefiel. Ihr Aussehen war es nur bedingt; eigentlich war sie überhaupt nicht mein Typ, auch wenn sie tolle blonde Haare und so etwas wie eine Modellfigur hatte. Aber konventionell hübsch war sie nicht. Ich weiß, dass einige Leute sie sogar explizit hässlich fanden. Eben jener Kumpel, der bei meiner ursprünglichen Herzdame gelandet war (und sich in ihren Augen praktisch postwendend als Luftnummer entpuppt hat), sagte mir einmal, dass C. ja nicht besonders gut aussehe. Und selbst mein Stiefvater machte mal so einen Kommentar. Ich müsse C. ja sehr lieben, so seine Worte, denn hübsch sei sie ja nicht. Mich schockierten beide Äußerungen, um ganz ehrlich zu sein. Ich meine, selbst wenn sie das so sahen, behält man so etwas doch wohl für sich.

Aber was genau mir an C. gefiel, das habe ich nun noch gar nicht offengelegt. Auch ich habe mich somit zunächst mit Äußerlichkeiten aufgehalten, was irgendwie vielsagend ist. Ich glaube, ich liebte sie, weil C. eine seltene Mischung war. Sie war hochintelligent, sprachbegabt, logisch-stringent, dabei aber lakonisch bis hin zu trocken-zynisch. Das verlieh ihr einen ganz eigenen Humor, den man schlecht nachzeichnen kann. Sie hat mir einen Spiegel vorgehalten. Es war zwar ein harter Spiegel, aber immerhin ein ehrlicher. Ich habe mich gefordert und gesehen gefühlt, was ehrlicherweise ja ziemlich egozentrische Motive sind, um jemanden zu lieben. Mein Herz hat sie natürlich auch berührt und zwar immer dann, wenn ihre kalte Schale Risse bekommen hat. Gerade am Anfang passierte das naturgemäß öfter als später, als unsere ganzen Streits und sonstigen Konflikte bereits emotionale Verheerungen angerichtet hatten.

Am Anfang waren wir noch ganz einfach verliebt und zwar auf eine fast kitschige Art. “Lass uns nach Paris fahren”, hat sie nach ein, zwei Wochen gesagt, und so sind wir mit dem Bus in die sogenannte “Stadt der Liebe” gefahren, die uns aus irgendeinem Grund tatsächlich ganz zauberhaft erschien und kein Paris-Syndrom auslöste. Wir haben uns über unsere eigene Kitschigkeit und die Kitschigkeit der Kulisse lustig gemacht und bei ihrer neuen Spiegelreflexkamera extra den Sepia-Filter eingestellt, um das Ganze noch zu überzeichnen. Es wurde unser Running Gag, sicherzustellen, dass jede schöne Ecke und jeder schöne Platz ja nur in Sepia fotografiert wurde. 

Als Studenten hatten wir, auch das ganz schön klischiert, nicht viel Geld und aßen ausschließlich Baguette mit Ziegenkäse in irgendwelchen Parks. Ich glaube, wir waren nicht in einem Restaurant. Dafür rauchten wir Selbstgedrehte und tranken wohl auch den einen oder anderen Wein. Später wurde C. Veganerin, was mich spätestens auf unserer letzten gemeinsamen Reise nach Peru kräftig nervte. Rauchen und trinken tat sie auch nicht mehr, und es störte sie, dass ich jeden Tag mein Bierchen bestellte. 

Das sind freilich nur Details, doch sie zeigen alles: Am Anfang waren wir uns selbst genug und der Rest stimmte einfach; am Ende, nach ein paar Jahren, hat jeder nur noch seine eigenen Ziele verfolgt und die Schnittmengen wurden kleiner und kleiner, bis ich am Ende am Fenster einer kostenlosen Paarberatung stand und beobachtete, wie C. unten auf Straße hin und her lief, weil sie den Hauseingang nicht fand. Und als sie mich auf dem Handy anrief, um zu fragen, wo der verfluchte Eingang denn sei, gab ich ihr eine wütende Antwort, dabei hatte ich keinerlei Grund dazu, wütend zu sein. 

Die dämliche Paarberatung hat unsere Beziehung natürlich nicht mehr gerettet. Sie war eher eine Grabrede. Nach diesem beschämenden Anlass gingen wir aus Verlegenheit noch kurz in ein Café, wo etwas Denkwürdiges geschah: C. schenkte mir ein teures, psychologisches Fachbuch, für das ich mich immer interessiert hatte. Ist das nicht aufschlussreich? – In dem Moment, wo alles vorbei war, machte sie mir dieses Geschenk. Einerseits rührte mich das, andererseits fragte ich mich, warum sie mir so eine einfache Freude nicht machen konnte, als wir noch ein Paar waren. Ich denke, andersherum lief es genauso. So sind wir Menschen scheinbar: Wenn es wirklich darauf ankäme, sind wir nicht beim anderen, sondern bei uns selbst. Und dann, wenn es keine Rolle mehr spielt, können wir plötzlich freigiebig sein.

Als wir uns einige Wochen nach der Trennung noch einmal begegneten, sagte sie mir, dass sie nun wüsste, warum es mit uns nicht geklappt hätte: Ich sei ein Narzisst, das sei ihr nun klargeworden. Als Psychologin meinte sie, das beurteilen zu können. Ich für meinen Teil hatte eine andere Erklärung parat, die ich ihr ebenfalls nicht vorenthielt: Zwischen uns gab es keine echte Nähe. So etwas in der Art habe ich gesagt und gesehen, dass es sie genauso verletzt hat wie mich ihr Urteil. Es dauerte lange, bis wir uns danach das nächste Mal über den Weg liefen. Dieses Mal passierte es zufällig. Ich hatte die Nacht bei einem One-Night-Stand in Bonn verbracht und ging morgens in dieser seltsamen Stimmung, die eine Mischung aus Stolz, Selbstekel und vollkommener Nüchternheit ist, zum Bahnhof, als mir C. mit einem Mann begegnete. Er sah akademisch und vernünftig aus, aber auch schwächlich und langweilig. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass sie diesen Mann heiratete und zwei Kinder mit ihm bekam. Jedenfalls hat sie heute zwei Kinder und sieht “furchtbar” aus, so meine Mutter, die sie hin und wieder auf der Straße gesehen hat.


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