Ich weiß noch genau, in welchem Moment es mit meiner ersten Liebe zu Ende ging. Ich besuchte sie in Amsterdam, wo sie gerade ihr Studium aufgenommen hatte. Wir lagen nebeneinander im Bett und ich fühlte mich fremd und nicht mehr mit ihr verbunden. Daraus zog ich den Schluss, dass ich sie nicht mehr liebte. Rückblickend war das vielleicht der falsche Schluss, denn dieses Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung ist seither mein steter Begleitung und ich hatte später überhaupt nie wieder eine stete emotionale Verbindung zu einer Frau. Es kann also gut sein, dass ich mit meiner ersten Liebe hätte alt werden können. Vielleicht hätte ich dann heute ein friedlicheres Leben. Aber eigentlich glaube ich das nicht, denn damals in Amsterdam war noch etwas anderes passiert. Die Mitbewohnerin meiner Freundin hatte irgendeine Tasse aus dem Küchenregal geholt und musste sich dafür ordentlich strecken. Ich saß am Tisch und mein Blick fiel auf ihren Hintern, der wirklich ein fantastischer Hintern war. Der Hintern einer Tänzerin. Plötzlich wollte ich diesen Hintern haben, was mich damals extrem irritierte, immerhin erinnere ich mich noch heute an diesen Moment. Bis dahin hatte ich nur meine Freundin begehrt. Oder sagen wir: fast nur meine Freundin begehrt. Jetzt kippte dieses Gefühl und plötzlich wollte ich sie alle haben, zumindest theoretisch.
Ich trennte mich kurz darauf von meiner Freundin – eigentlich ist die ganze Sache komplizierter, aber das würde zu weit führen – und saß dann todtraurig und deprimiert in Duisburg herum, wo ich seit Kurzem studierte. Nach ein paar Tagen Trauer blitzte eines nachts aus heiterem Himmel ein trotzig-rotziger Gedanke in mir auf: Ich versuche es jetzt einfach beim heißesten Mädchen aus dem ganzen Studiengang. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch meine Ansprüche herunterschrauben. Dieses Mädchen hieß Susi, war knapp einsachtzig groß und hatte mandelförmige Augen zum Niederknien. Sofort am nächten Morgen begann ich meinen Plan in die Tat umzusetzen. Wir saßen alle in einem Seminarraum und ich drehte mich zu ihr um. Sie saß zwei, drei Reihen hinter mir. Ich sah ihr in die Augen und lächelte sie breit an. Sie erwiderte das Lächeln, da wusste ich, dass ich bereits einen Fuß in der Tür hatte. Aber natürlich hatte ich auch Widersacher. Mindestens eine halbe Handvoll Typen ganz unterschiedlicher Couleur hatten ebenfalls ihre Augen auf sie geworfen: Da war zum Beispiel ein Typ mit Motorrad, der Rockkonzerte veranstaltete, und ganz offen an ihr herumbaggerte. Auch so ein lässiger Snowboarder-Surfer-Dude war mit im Spiel. Sogar ein Jazz-Trompete spielender, Schwarz-Weiß-Fotos schießender Kulturheini versuchte sein Glück. Über die nächsten Wochen stach sie alle aus, bis ich Susi irgendwann nachts nach Hause brachte und wir vor ihrer Haustür standen. Was passierte dann? – Nichts! Ich ließ die Gelegenheit verstreichen, küsste sie nicht einmal. Wie in einer schlechten College Rom-Com machte sie sogar einen verdutzten Kommentar; offensichtlich hatte sie mit guten Gründen mehr erwartet.
Was war passiert? Woher meine innere Wandlung? – Das Leben war passiert, könnte man pathetisch sagen: Ich hatte mich kurz vorher in eine ihrer Freundin verguckt, wobei “verguckt” eine maßlose Untertreibung ist. Ich war bald nicht nur verliebt in diese Freundin, sondern mehr und mehr besessen von ihr. So etwas ist mir später in dieser Form nie wieder passiert, auch weil die Story ironischerweise zu keiner nächtlichen Haustür führte. Ganz im Gegenteil: Eines Tages sagte mir diese Freundin die folgende Worte direkt ins Gesicht: “Wir werden niemals ein Paar werden!” Und selbst das half nicht. Ich träumte weiter von ihr, fertigte sogar Gemälde von ihr an wie ein verschissener Psycho. Selbst Jahre später, als ich sie längst abgeschrieben und mit anderen Obsessionen überschrieben hatte, schmerzte es mich noch, das es mit uns nie etwas geworden war. Sie war für mich zu der einen geworden, zur perfekten Frau, die ich wollte wie keine zweite. Gott sei Dank werden wir alle irgendwann erwachsen. Kürzlich habe ich sie gegoogelt. Sie ist allem Anschein nach ins Esoterische abgerutscht und hat bereits einige dieser neurotischen Stressfältchen um den Mund, wie sie die meisten Frauen mittleren Alters entwickeln. Rückblickend glaube ich, dass sie schon damals eine eingebildete Tussi war, die sich selbst ein wenig zu wichtig genommen hat. Es hätte keine drei Monate gehalten. So gesehen muss ich ihr für ihre damalige Konsequenz dankbar sein.
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