[2.399 Wörter] Yves blickte in den Spiegel und begutachtete seine Statur. Er hatte ein wenig angesetzt, aber die breiten Schultern aus seiner Jugend waren noch da. Die nassrasierte Glatze, die er seit einigen Jahren trug, machte ihn gar kantig, schien ihm. Er stellte sich aufrecht hin und drückte die Brust raus. Noch fühlte er sich stark. Sollte er sich auch einen Bart stehen lassen wie die jungen Leute? Sie trugen heute ja alle Bart und wenn es nur dünne Fläumchen waren wie bei Lorenz. Vor zehn Jahren wäre so was noch undenkbar gewesen. Eine Kombination aus Schnauz und Kinnbart würde ihm bestimmt gut stehen. Was wohl Stefanie davon halten würde? Mochte sie Männer mit Bart? Seltsamerweise war das Thema in all den Jahren nie aufgekommen, soweit er sich erinnerte.
„Yves, the man!“, schrie Lorenz lachend und zeigte auf ihn, als Yves sich auf seinen Platz setzte. Die anderen lachten.
„Wann gibt’s denn mal ne Runde vom Chef?“, fragte Lorenz und wieder lachten die anderen.
„Also ich finde auch, das muss jetzt mal sein“, sagte Melanie, die Junior Managerin, im Fahrwasser von Lorenz und der Rest der Runde stimmte ein. Yves sah ihm in die Augen. „Bist du denn überhaupt schon alt genug für harte Sachen?“
Die Runde verstummte und Lorenz‘ Lächeln gefror einen Augenblick lang, dann fing er sich wieder. „Die Frage ist wohl eher, ob du nicht zu alt dafür bist?“
Die Blicke von Yves‘ Mitarbeitern wechselten zwischen den beiden hin und her.
„Finden wir es doch heraus!“, sagte Yves und taxierte Lorenz. Dann wandte er sich der Runde zu und lachte. Sie stimmten ein und für sie schien sich die Situation als Scherz erwiesen zu haben. Auch Lorenz lachte mit.
„Auf unseren Chef!“, sagte Lorenz, als sie die Gläser in der Hand hielten und die anderen sagten im Chor: „Auf unseren Chef!“
Yves nickte kaum merklich und kippte das Glas herunter. Er achtete darauf, trotz des Brennens keine Miene zu verziehen.
„Ahh“, machte Lorenz und schüttelte den Kopf.
Als ein paar Minuten verstrichen waren und die Kellnerin das nächste Mal vorbeikam, fragte Yves: „Wer will noch einen?“
„Aber immer“, sagte Lorenz und ein paar weitere Hände gingen in die Höhe.
Die Kellnerin verschwand und Yves beschloss, eine kurze Ansprache zu halten:
„Wo wir heute hier, am Ende des Jahres einmal so gesellig beisammen sitzen …“, hob er an und die Gespräche am Tisch wurden unterbrochen. „… Möchte ich doch mal ein paar Worte sagen. Ich danke euch allen für euren Einsatz und eure Leistung. Vor allem einer von euch ist hier besonders hervorzuheben. Ihr ahnt es schon. Lorenz!“
Yves zeigte mit geöffneter Hand in Lorenz´ Richtung, der lächelnd eine abwehrende Geste machte.
„Du bist zwar erst relativ kurz bei uns, aber ich kann sagen, du hast einige Leute bereits schwer beeindruckt und auch einiges in Bewegung gebracht. Weiter so! Aber auch die anderen – weiter so! Wir sind auf einem guten Weg. Und um das zu unterstreichen, darf ich euch hiermit verkünden, dass Japan für dieses Jahr einen Weihnachstbonus genehmigt hat.“
Ein freudiges „Ohh!“ machte die Runde und wie abgestimmt brachte die Kellnerin in diesem Moment das Tablett mit dem Schnaps. Yves verteilte die Gläser. Als er Lorenz das Glas über den Tisch hinweg reichte, sagte er noch einmal: „Danke!“
Und dann: „Also, auf ein ebenso erfolgreiches neues Jahr!“
„Langsam knallt er rein“, lachte Lorenz nach der dritten Runde.
„Für mich reicht das“, sagte Melanie. „Ich muss gleich los.“
„Wie, jetzt schon?“, sagte Yves. Er spürte den Alkohol jetzt auch.
„Ja, mein Freund holt mich gleich ab. Der hatte auch Weihnachtsfeier.“
„Dann soll er doch reinkommen und einen mit uns trinken“, sagte Yves.
„Danke, aber nee, der ist Moslem und trinkt nicht.“
„Das ist sehr löblich“, sagte Yves. „Aber wir nehmen noch eine Runde, oder?“
„Du gibst aber Gas“, sagte Lorenz und Yves schien es, als würde dessen Energie langsam abnehmen.
„In meinem Alter muss man mitnehmen, was sich bietet“, sagte Yves und Lorenz nickte. Yves war sich nicht sicher, ob er die Anspielung überhaupt verstanden hatte.
Sie leerten das vierte Glas. Nach Melanie waren noch zwei weitere Kolleginnen nach Hause gegangen und die Runde bestand jetzt nur noch aus fünf Personen. Es war nur noch eine Frau darunter, Mareike, eine blonde Endzwanzigerin aus der HR-Abteilung, die als Anhang von Melanie spontan mitgekommen war.
„So langsam kristallisiert sich der harte Kern heraus“, sagte Yves und blickte in die Runde. Er sagte: „Ich finde, jetzt ist an der Zeit, dass wir den Neuen mal ein wenig besser kennenlernen. Findet ihr nicht? Erzähl uns doch mal ein wenig von dir, etwas, was nicht im Lebenslauf steht.“
„Ohh, ich weiss nicht.“
„Keine falsche Schüchternheit, wir sind doch jetzt unter uns“, sagte Yves.
„Na, gut. Was wollt ihr hören?“
„Auf welche Leistung in deinem Leben bist du richtig stolz?“, sagte Yves.
„Puh“, sagte Lorenz. „Das ist ja mal ne Frage. Weiss ich nicht.“
„Dann denk mal nach, da muss es doch was geben.“
„Also ich denke, ich habe für den Anfang schon gut verkauft.“
„Nee, jetzt komm mir nicht mit Firmenkram! Das ist doch keine Leistung. Ich meine etwas, auf das man richtig stolz sein kann.“
„Hmm. Mit fünfzehn hab ich Auswahl gespielt. Also beim Fussball. Mit fünfzehn war ich mal in der Landesauswahl.“
„Na, das ist doch was! Welche Position?“
„Torwart.“
„Torwart! Torhüter und Linksaussen sind ein bisschen verrückt, sagt man doch, oder?“
Yves hatte jetzt Spass.
„Ja, den Spruch kenne ich auch.“
„Also bist du ein bisschen verrückt! Hast du beim Bewerbungsgespräch gar nicht erzählt.“
Yves lachte.
„Weiss ich nicht“, sagte Lorenz.
„Doch, doch, das habe ich schon gemerkt. Wer so verkauft wie du, der muss verrückt sein!“
Die anderen lachten.
„Komm, wir machen jetzt mal was Verrücktes“, sagte Yves.
„Was denn?“
„Erst einmal bestellen wir noch einen. Aber das ist ja nicht verrückt, sondern im Gegenteil vollkommen vernünftig. Findet ihr nicht?“
Er zeigte der Kellnerin alle fünf Finger und sie nickte.
„Also, was könnte man in einer Bar Verrücktes machen?“, sagte Yves. Er schaute in die Luft und tat, als würde er überlegen. Dann sagte er: „Ich hab’s! Wir beide machen jetzt Armdrücken. Altes Eisen gegen junges Gemüse, Chef gegen Emporkömmling!“
Lorenz lachte: „Nee, komm …“
„Doch, das machen wir jetzt. Ist eine höchst offizielle Anordnung, Widerrede zwecklos“, sagte Yves. „Ich hab doch eh keine Chance gegen einen Jungspund wie dich.“
Er wandte sich an die Gruppe.
„Was meint ihr?“
„Also, ich setze auf Lorenz, sorry“, sagte Mareike.
„Ich auch“, meinten die anderen.
„Siehst du“, sagte Yves. „Du bist der haushohe Favorit. Ich hab doch keine Chance!“
„Ok“, sagte Lorenz.
Sie kippten den fünften runter und Yves rollte sich die Ärmel seines Hemdes hoch.
„Kneipenregeln, linke Hand auf den Rücken, Mareike ist Schiedsrichterin“, sagte Yves.
Die beiden stützen die Ellenbogen auf und griffen in die Hand des anderen. Mareike legte ihre Hände darüber und zählte:
„Drei, zwei, eins!“
Sie nahm die Hände weg und Yves presste gegen die Hand von Lorenz. Er spürte sofort, dass er selbst der Stärkere war. Aber anstatt Lorenz Hand direkt auf den Tisch zu drücken, begnügte er sich damit, gerade so viel Widerstand zu leisten, dass seine eigene Hand nicht heruntergedrückt wurde. Er sah Lorenz ins Gesicht, das vor Anstrengung verzerrt war.
„Drückst du schon richtig?“, sagte Yves. „Drück mal richtig jetzt!“
Lorenz schnaubte.
„Los, du willst doch in der Firma was werden! Schwächlinge können wir nicht gebrauchen.“
Das Gesicht von Lorenz begann rot anzulaufen.
„Gut, dann machen wir dem Elend mal ein Ende“, sagte Yves bedächtig und drückte Lorenz‘ Hand ohne merklichen Widerstand auf die Tischplatte. Dieser wollte seine Hand zurückziehen, aber Yves fixierte sie mit festem Griff auf der Platte, nicht lange, nur einen Augenblick, sodass Lorenz begriff. Der sah nach unten und Yves liess los.
„Hättet ihr nicht gedacht, was?“, sagte er in die Runde und seine Mitarbeiter stimmten ihm zu.
„Doch nicht so alt, das Eisen, scheint mir. Auf diesen Sieg geb ich ne Runde.“
Die drei Kollegen wiegelten ab. Auch Lorenz schüttelte den Kopf.
„Doch, doch, du trinkst noch einen mit mir“, sagte Yves. „Das ist ja wohl Ehrensache nach so einem Duell.“
Lorenz nickte: „Na, gut.“
Kurz darauf verabschiedeten sich Mareike und die anderen beiden. Lorenz wollte auch gehen, aber Yves hielt ihn zurück:
„Komm, einen trinken wir noch, ja?“
„Nee, sollde wirlich au …“
„Komm, einen Letzten noch!“
Sie blieben alleine in der Bar und tranken weiter. Lorenz starrte mit halb geöffneten Augen vor sich hin und sprach nicht mehr. Yves hingegen fühlte sich grossartig. Er hatte von Stefanie eine Gute-Nacht-Nachricht geschickt bekommen und ihr geantwortet. Ab sofort war er mit der Nacht allein und er spürte dieselbe knisternde Energie, die er früher gespürt hatte.
„Nimm’s nicht persönlich“, sagte er zu Lorenz, der nur noch einsilbig antwortete.
„Mhm.“
„Du bist noch jung, da zahlt man manchmal Lehrgeld, weisst du? Musste ich auch zahlen. Muss jeder zahlen. Jeder muss Lehrgeld zahlen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, hat mein alter Herr immer gesagt.“
„Mhm.“
„Haste ne Freundin?“
„Hä?“
„Ob du ne Freundin hast?“
Lorenz presste ein „Nee“ Heraus.
„Sind ein paar Schüsse hier. Ist da keine für dich dabei? Komm, wir trinken noch einen, dann gehen wir mal zu den beiden da drüben an der Bar.“
„Muss ma … muss ma na Hause“, stammelte Lorenz.
„Ach, komm, lass mich doch jetzt nicht hängen. So jung kommen wir nicht mehr zusammen … Was es alles für scheiss Sprüche gibt! So jung kommen wir nicht mehr zusammen. Das ist doch klar. Man wird ja nicht jünger. Ha! Komm, wir trinken jetzt noch einen und dann gehen wir zu den beiden Damen da drüben.“
Yves bestellte noch eine Runde und kippte das Glas, kaum, dass die Kellnerin es ihm in die Hand gegeben hatte. Lorenz rührte seines nicht an. Er war eingeschlafen.
„Hey, aufwachen! Trinken!“
Yves schüttelte ihn, aber Lorenz hing wie ein nasser Sack auf seinem Stuhl, das Kinn auf der Brust, die Hände im Schoss gefaltet.
„Nichts mehr los, mit diesen jungen Typen“, sagte Yves vor sich hin und stand auf. Er fühlte sich nicht mehr betrunken, sondern regelrecht besoffen. Es war ein fantastisches Gefühl, hatte er lange nicht mehr gehabt. Er lehnte sich an den Tresen und sah zu den beiden Frauen hinüber. Als sie bemerkten, dass er sie ansah, drehten sich weg. Er schaute sich um, aber alle Frauen, die er entdeckte, waren in Gespräche vertieft. Er ging zurück zum Tisch.
„Los, komm, wir hauen ab!“
Er rüttelte Lorenz an der Schulter. Der wachte mit trägen Augen auf und sah sich um. Er schien nicht zu realisieren, wo er war.
„Wo wohnst du?“, fragte Yves.
„Höneberg.“
„Was ist das, U-Sieben?“
„S-Eins oer Zwei.“
Yves machte ein verächtliches Geräusch.
„Scheisse, auch das noch. Fahr am besten erst mal zum Alex. Von dort wirst du schon irgendwie weiterkommen. Oder?“
„Mhm.“
„Dann bring ich dich jetzt zur Bahn.“
Yves zog ihn hoch und schob ihn vor sich her durch die Bar Richtung Ausgang. Auf der Strasse hakte er sich bei ihm unter und führte ihn zur Tram-Station. Sie kam fünf Minuten darauf.
„Also, Alex! Hörst du? Am Alex steigst du aus und kaufst dir erst mal ein Wasser. Verstanden?“
„Mhm.“
„Und dann fährst du nach Hause und schläfst dich aus.“
„Mhm.“
Die Türen der Bahn öffneten sich. Er schob Lorenz hinein, der den Arm um eine Stange schlang und wieder in sich zusammensackte. Yves rüttelte ihn an der Schulter: „Alex! Auststeigen! Hörst du? Alex!“
Lorenz schaut ihn mit leeren Augen an.
„Mhm.“
„Also mach’s gut! Wir sehen uns Montag in alter Frische.“
Yves blickte der Bahn nach, wie sie langsam in Richtung des leuchtenden Fernsehturms davonfuhr. Er überlegte, ein Taxi zu rufen, um ebenfalls nach Hause zu fahren, aber er hatte keine Lust, dass die Nacht schon vorbei wäre. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er eine Kneipe. Sie machte einen weniger schicken Eindruck als das Lokal, in dem sie zuvor gewesen waren, und Yves befand, dass das für sie sprach. Er ging hinein und setzte sich an den Tresen. Der Wirt, ein hemdsärmeliger Typ in Yves‘ Alter, fragte, was er haben wollte. Yves bestellte ein Bier. Eine Frau setzte sich neben ihn. Sie war wohl irgendwo in ihren Dreissigern und trug einen kurzen schwarzen Rock und schwarze Strumpfhosen.
„Hi“, sagte sie.
„Hi“, grüsste Yves zurück.
„Was machst du hier?“
„Den Abend ausklingen lassen und einen Sieg geniessen“, sagte Yves.
„Oh, was für einen Sieg?“
„Nicht so wichtig. Und du?“
„Ich suche noch einen Mann, den ich mit nach Hause nehmen kann.“
„Das ist ja direkt. Bist du immer so?“
„Ja. Warum soll ich drum rum reden? Wir sind doch alt genug für die Wahrheit,
oder nicht?“
„Das sind sie wir wohl“, sagte Yves.
„Habe ich ihn denn gefunden?“, sagte sie.
Yves musterte sie und sah ihr dann in die Augen. Sie durchbohrten ihn mit einem grünen Stich und bevor er hatte drüber nachdenken können, sagte er:
„Ja.“
„Gut, dann lass uns gehen.“
Der Wirt stellte das Bierglas auf den Tresen und Yves sagte: „Das hat sich erledigt.
Er legte einen Fünf-Euro-Schein hin und verliess mit der Frau die Kneipe.
Während er in sie hineinstiess, betrachtete sich Yves in einem Spiegel, der schräg neben dem Bett stand. Er sah sich ruckartige Bewegungen machen und hörte das Klatschen von Haut auf Haut. Sein Bauch war weiss und wabbelte bei jedem Stoss. Auch sie war fetter, als er gedacht hatte. Die Strumpfhose hatte einiges zusammengepresst, das, sobald sie nackt war, herunterhing. Sie stöhnte, aber er spürte nichts. Er fasste ihre Taille und stiess schneller. Sie stöhnte lauter, aber er spürte noch immer nichts.
„Ich will, dass du mir in den Mund spritzt“, sagte sie irgendwann.
„Ok“, sagte er mechanisch.
Sie zog das Kondom ab, kniete sich vor ihn und begann ihn zu wichsen. Dabei sah sie ihm auffordernd in die Augen und machte den Mund weit auf. Er merkte, wie er schlaff wurde.
„Lass mich mal“, sagte er.
Er griff feste zu und brachte ihn wieder nach oben, doch spüren tat er immer noch nichts. Im Spiegel sah er, wie sein Unterarm verkrampft hin und her fuhr. Deutlich zeichneten sich Adern unter der dünnen Haut ab. Noch hatte er Kraft. Was sollte er am Morgen nur Stefanie erzählen? Er hatte noch kein Geschenk für sie gekauft, fiel ihm auf. Brauchte er überhauptnoch eins? Was tat er hier eigentlich? Fragen dieser Art stellte sich Yves, während er weiter vor dem offenem Mund wichste, bis ihm die Kraft ausging.

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