Ich steckte die Zigarette an.
Du hast mit dem Rücken zum Publikum vor dem blutroten Samtvorhang gestanden, der die Rückwand der Bühne verhangen hat. Deine weisse Bluse und deine ansonsten schwarze Kleidung haben perfekt zu diesem Rot gepasst. Schwarz, weiss, rot – die kraftvollste aller Farbkombinationen. Sie trägt das Licht in sich, aber auch die Versuchung und den Tod. Alle Elemente des Lebens abgebildet mit nur drei Farben. Und an diesem Abend fast eine Ankündigung.
Closer, move in closer – closer now than – than ever before. Als die tiefe Stimme von Sivert Høyem fast flüsternd die ersten Worte sang, hast du dich umgedreht. Du bist langsam auf das Publikum zugeschritten und hast deinen Blick direkt auf mich gerichtet. Ich wusste nicht, ob das Zufall war und ob du mich in diesem Moment überhaupt wirklich angesehen hast. Vielleicht hast du auch durch mich hindurchsehen oder ich war nur einfach ein Objekt, das du fixiert hast, um deinen Blick irgendwo zu verankern. Vielleicht hattest du aber auch vor deinem Auftritt schon einmal ins Publikum gelugt und mich dort sitzen gesehen. Und vielleicht hast du da bereits entschieden, mir deinen Tanz zu widmen.
Kurz vor dem Bühnenrand bist du stehen geblieben. Ein ruhiger Beat hat eingesetzt und du hast begonnen, langsam deine Hüften zu wiegen, deinen Blick immer noch direkt auf mich gerichtet. I sense a lot of tension. Jetzt bestand kein Zweifel mehr. Du hast mich angesehen. Ein Lächeln hat deine dunkelrot geschminkten Lippen umspielt und ich hab unwillkürlich zurückgelächelt. Ich fühlte, wie die Blicke der anderen auch auf mir ruhten, denn dass wir beide uns in die Augen sahen, dass unsere Blicke sich verhakt hatten, das musste jeder wahrnehmen. Normalerweise hätte mich das verunsichert. Aber dort war es mir egal. Die Menschen um mich herum bedeuteten plötzlich nichts mehr. Step into this room and dance for me! Beim Refrain hast du dich umgedreht. Du bist in die Hocke gesunken und hast dich wieder hochgeschraubt, wieder eine Drehung. Jetzt hast du begonnen, dich langsam auszuziehen.
“Wann musst da nachher da sein?”, fragte ich.
“Wie immer gegen acht.”
“Treffen wir uns danach?”
Du hast geschwiegen.
“Keine Lust?”
“Doch, doch.”
Nach einer Weile hast du gesagt, “Du, ich glaube, das funktioniert nicht mit uns.”
Zuerst hast du deine Fliege gelockert. Du hast ein paar Mal angedeutet, das Seidenband von deinem Hals zu ziehen, hast ein wenig mit dem Moment gespielt, in dem das erste Kleidungsstück fällt. Dann hast du langsam deine Weste aufgeknöpft und danach deine Bluse. Du hast sie langsam über deine Schultern gestreift und zusammen mit der Weste über deine ausgestreckten Arme zu Boden gleiten lassen. Ein schwarzer Panther kam zum Vorschein. Er kauerte auf deinem Beckenknochen, gespannt und zum Sprung bereit. Du hast ihm übers Fell gestreichelt und dann dem Publikum eine Krallenhand zugeworfen. Vereinzelt wurde gelacht. Deine enge, schwarze Hose hat ganz leicht im Licht der Scheinwerfer geglänzt. Du hast dir mit beiden Händen an die Taille gefasst und hast dich mit durchgedrücktem Rücken vorgebeugt. Dein Busen war nun auf meiner Augenhöhe und ich sah direkt in sein Tal. Ich fühlte, wie mein Gesicht warm wurde. Du hast einen Augenblick so verharrt und dich dann tiefer und tiefer vorgebeugt, bis deine Stirn an deinen Schienbeinen anlag. Dein Rücken war jetzt entspannt und leicht gerundet, sodass sich die einzelnen Wirbel unter deiner hellen Haut abzeichneten. Während du dich in diese Pose fallengelassen hast, hast du zwei schwarze Reissverschlüsse geöffnet, die gut getarnt an den Aussenseiten der Hose hinunterliefen. Beim Aufrichten hattest du deine Hose in der Hand. Jetzt warst du praktisch nackt.
Ich fühlte, wie sich meine Kehle verengte. Nach ein paar Sekunden nahm das Gefühl wieder ab. “Warum meinst du das?”
“Muss ich das begründen?”
“Naja, ich denke schon, dass ich eine Erklärung verdient habe. Wir treffen uns jetzt immerhin … ich weiss nicht, sechs Wochen?”
“Was heisst das schon?”
“Was meinst du?”
“Was haben wir denn überhaupt gemacht in dieser Zeit?”
“Wie, was haben wir gemacht? Du warst doch dabei. Soll ich jetzt aufzählen, was wir alles gemacht haben, oder was?”
“Viel ist da nicht aufzuzählen.”
“Also ich finde schon, dass da was aufzuzählen ist. Wir waren im Kino. Wir waren essen. Mehrmals. Wir waren auf diesem Konzert von deinem Kumpel.”
“Toll.”
“Du hättest also gerne mehr gemacht? Das wusste ich nicht. Wir können gerne mehr machen.”
“Nein, passt schon. Lass gut sein.”
“Wie, lass gut sein? Was soll ich gut sein lassen? Mit dir zu reden?”
“Ich glaube, du solltest jetzt besser gehen.”
“Ich soll … Ich soll gehen? Spinnst du oder was? Vor zwanzig Minuten haben wir noch miteinander geschlafen.”
“So what?”
“So what? So what? Ich fass es nicht! Ist das ganz normal für dich? Einfach mal nachmittags die Beine breit machen für einen Typen, der dann aber auf Kommando verschwinden soll … und zwar aus deinem Leben?”
“Sei nicht ordinär. Du machst dich lächerlich.”
“Ich mach mich lächerlich? Ich?”
Ich stand auf und zog meine Boxershorts an. “Ich mach mich lächerlich? Was war das Ganze überhaupt für dich?”
“Scheinbar nicht das, was es für dich war.”
Ich lachte auf. “Ja, das glaube ich auch!”
“Kannst du mal einen Gang runterschalten, bitte. Dein Geschrei ist anstrengend.”
“Geschrei … Was für Geschrei?”
Ich stieg in meine Hose und griff mir das Drehzeug. Damit setzte ich mich an deinen Schreibtisch und drehte mir eine. Sie wurde perfekt, hatte genau den Durchmesser des dünnen Filters. Und der Klebestreifen lag glatt und ohne Falten an. Ich zündete sie an und starrte aus dem Fenster. Du bist ebenfalls aufgestanden und hast dich angezogen. Dann bist du aus dem Zimmer gegangen, vermutlich ins Bad. Als du zurückkamst, hattest du ein Glas Wasser in der Hand.
Die feine, schwarze Unterwäsche verhüllte nur noch wenige Teile deines Körpers, wenn auch die spannendsten. Trotzdem sahst du nicht so aus, als würdest du gerade vor dem Kleiderschrank stehen und selbstvergessen zur Musik aus dem Radio schunkeln, denn deine Füsse steckten noch immer in schmal geschnittenen Samtstiefeletten und auf deinem Haar, das du zurückgekämmt und mit Klammern zusammengesteckt hattest, thronte noch immer die schwarze Melone. So lief keine Frau zuhause rum, so sahen Frauen, wie ich sie nur aus Filmen kannte oder von Plakatwänden, Frauen, die durchschimmernde Strumpfhosen trugen und hohe Absätze, Frauen, die vor grossen Spiegeln Make Up auftrugen und schwarze Striche um ihre Augen zogen, Frauen, die auf dem Beifahrersitz von Cabrios sassen oder an den Tischen guter Restaurants, kurz, Frauen, die sich für Männer schön machten. Solche Frauen kannte ich nicht. Ich kannte nur Frauen, die Hosen trugen und die man mit auf Kanutour nehmen konnte oder mit zum Musikquiz in die Eckkneipe. So wie du da vor mir gestanden bist, hast du bei mir eine tiefe Erinnerung an erwachsene Weiblichkeit wachgerufen, an meine Idee von “echten” Frauen, die mir als Kind, wo sich diese Idee festgesetzt hat, unfassbar schienen, unfassbar wissend, unfassbar weit weg und unfassbar attraktiv. Bilder kamen in mir hoch. Ich war wieder fünf, sechs, sieben Jahre alt und mit meiner Mutter in Boutiquen, ich sah sie elegante Hosenanzüge anprobieren und knielange Röcke. Dort sah ich auch andere Frauen, wie sie den Vorhang der Umkleidekabine zur Seite schoben und zögerlich hinaus traten vor den Spiegel, wo sie sich drehten, um ihren Körper zu begutachten. Die Verkäuferin stand daneben und wies auf gut zur Geltung kommende Stellen hin, und mein Auge folgte ihren Worten. Ich war wieder mit meiner Mutter in der Parfümerie, roch die Melange aus süsslichen Duftwassern, roch an den Handgelenken meiner Mutter, um ihre meine Meinung zu sagen, und sprühte mir auch selbst einige Düfte aus den geschwungenen Flakons auf die Haut, um daran zu riechen. An den Wänden hingen die Anzeigen der Parfümmarken, dort sah ich, welche Frauen diese Düfte vollkommen verkörperten, denn meine Mutter und die anderen Kundinnen im Geschäft, das wusste ich damals schon, waren nicht diese Düfte, sie wollten sie sein, schliesslich betonte meine Mutter ständig, dass sie nicht so aussah wie die Frauen auf solchen Fotos.
Anstatt deine Hose wie die anderen Stücke auf den Boden fallen zu lassen, hast du sie demonstrativ zusammengefaltet und sie dir über den Unterarm gehängt. Dann bist du die erste Reihe abgeschritten und hast sie einem Mann, der neben seiner weiblichen Begleitung sass, auf den Oberschenkel gelegt. Danach hast du ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt und ihm über den Kopf gestreichelt und die Leute haben gelacht. Du bist zurück zur Bühnenmitte stolziert und hast auf mich gezeigt. Mit dem Zeigefinger hast du mir bedeutet, ich sollte zu dir nach oben kommen. Ich habe eine abwehrende Geste gemacht und den Kopf geschüttelt, aber du hast dich nicht abwimmeln lassen. This is the floor, these are the rules. Ich merkte, dass ich aus der Nummer nicht herauskam und bin aufgestanden. Es wurde geklatscht. Ich machte den Schritt hoch auf den Holzboden und du hast nach meinen Händen gegriffen. Du hast sie dir auf die Taille gelegt und hast deine Arme sanft um meine Schultern geschlungen. So haben wir ein paar Takte getanzt. Dann hast du dich umgedreht und dich an meinen Schoss gepresst. Du hast dich noch einmal so durchgestreckt vorgebeugt wie zuvor, als du deine Hose geöffnet hast, und ich sah die Stränge deiner Rückenmuskulatur eine Rille bilden. Dein Becken war jetzt ausladend und verschlankte sich zu den Rippen hin, die berühmte Gitarrenform, wie dafür gemacht, sie mit den Handflächen abzufahren. Als du wieder aufrecht standest, hast du über deine Schulter hinweg auf den Verschluss deines Büstenhalters gezeigt. Ich sollte ihn für dich öffnen. Meine Nervosität war ein wenig abgeklungen und ich erlaubte mir einen kleinen Scherz, weigerte mich mit geradezu empörter Geste, so als würde es mich beleidigen, mir solche Absichten zu unterstellen. Ich sah Leute lachen. Du hast mir ein Lächeln zugeworfen und mich noch einmal aufgefordert. Ich habe zum Publikum hin mit den Achseln gezuckt und den Verschluss geöffnet. Ich war froh, dass es mir direkt gelang. Du hast gespürt, wie die Spannung der Träger nachliess und hast dich zu mir gedreht. Ohne weitere Spielchen hast du den BH abgenommen. Deine Brüste waren perfekt, rund und hoch sitzend. Anders als die Tänzerinnen zuvor hattest du deine Nippel nicht abgeklebt und ich sah ein Piercing, ein glitzerndes Stäbchen, das deine linke Brustwarze durchbohrte. Als mir gewahr wurde, dass ich dir direkt auf den Busen schaute, sah ich dir sofort in die Augen. Du hast mir zugekniept und mir dann den BH in die Hand gedrückt.
Ich drückte die Zigarette auf einer fleckigen Untertasse aus und stand auf. Ich machte einen Schritt auf dich zu und packte dein Gesicht. “Hey! Es lief doch gut mit uns. Oder nicht?”
Dein Blick blieb hart. “Was willst du hören, Henry?”
Ich liess wieder los. “Ich will gar nichts hören. Ich schildere dir meinen Eindruck. Und ich kann irgendwie nicht fassen, dass du scheinbar alles so anders erlebt hast.”
“Ich will einfach nichts Festes. Und ich glaube, du schon.”
“Wie kommst du darauf?”
“Ist dir mal aufgefallen, dass immer du nach dem nächsten Treffen gefragt hast? Vorhin schon wieder.”
“Ja, und? Du hast doch meistens ja gesagt. Oder zumindest oft.”
“Ja.”
“Wolltest du mich eigentlich gar nicht treffen, oder was?”
“War schon ok.”
“Ok? Na, immerhin. Worüber reden wir eigentlich gerade?”
“Sag du es mir.”
“Ich denke einfach, wir haben noch eine Chance. Glaubst du nicht?”
“Nein.”
Auch ich bekam einen Kuss auf die Wange zum Dank, dann hast du mich mit einem Klatschen verabschiedet. Das Publikum stimmte ein und ich tat so, als wischte ich mir Schweisstropfen von der Stirn, während ich die Bühne verliess. Du hast alleine weitergetanzt und, mit dem Rücken zum Publikum, hast du dir auch noch den Slip abgestreift. Bis auf die Schuhe und den Hut warst du jetzt nackt. Ich sah dir ungläubig zu, wie du dich uns wieder zugewendet hast. Step into this room and dance for me. Deine Scham hast du mit einer Hand bedeckt. Mit der anderen hast du nach dem Hut gegriffen und ihn ins Publikum geworfen. Dann hast du dich verbeugt. Es wurde laut applaudiert und auch gepfiffen. Der Ansager kam mit einem Kimono auf die Bühne. Er hat ihn dir so hingehalten, dass du ungesehen hineinschlüpfen konntest. Dann hast du deine Kleidung aufgesammelt und der Ansager hat dich verabschiedet, bevor er die nächste Tänzerin auf die Bühne gebeten hat.
Ich machte ein paar Schritte durch den Raum, nahm mein T-Shirt vom Stuhl und streifte es mir über. “Gut, dann gehe ich jetzt wohl.”
Du hast nichts mehr gesagt.
“Eins verstehe ich nur nicht. Erst sagst du, wir haben zu wenig gemacht, dann sagst du, es war dir zu viel. Das widerspricht sich doch. Oder nicht? Kannst du mir das vielleicht noch erklären? Weil, das erscheint mir einfach unlogisch.”
“Ich habe nicht gesagt, wir haben zu wenig gemacht. Ich habe dich gefragt, was wir gemacht haben.”
“Ja, und?”
“Das waren keine besonderen Momente für mich.”
“Ach, nein?”
“Nein, waren es nicht. Du hast ständig über irgendwas doziert oder dich beklagt, über die Uni, über die Gesellschaft, über deine Eltern.”
“Doziert habe ich? In meinen Augen habe ich dir nur versucht zu erzählen, wie ich die Welt sehe. So wie du das doch auch gemacht hast. Vielleicht war das teilweise etwas theoretisch. Ich versuche eben, Dinge gründlich zu durchdenken. Und klar, vieles regt mich auf. Aber ist ja auch vieles objektiv scheisse auf dieser Welt. Es ist für mich nichts Schlechtes, kritisch zu sein. Und am Ende, so bin ich eben.”
“Ja, und das ist auch ok so. Aber das ist nicht, was ich suche.”
“Was suchst du denn?”
“Einen Mann, der macht. Einen Macher, Henry, keinen Redner. Du redest nur. Mag sein, dass du eine Menge durchdacht hast. Aber das bedeutet mir nichts. Ich will einen Mann, bei dem ich etwas spüre. Wenn ich verliebt bin, bin ich inspiriert, dann fliesst meine Energie, ich habe dann Ideen, ich bin wach, ich habe Lust. Das alles hatte ich die letzten Wochen nicht. Stattdessen war ich ständig müde.”
“Du hattest keine Lust? Das habe ich anders erlebt. War das alles Theater, oder was?”
“Nein, war es nicht. Es geht mir nicht um Sex. Ich meine Lust aufs Leben.”
“Ok, ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was du mit all dem meinst. Auf mich hast du lebensfroh gewirkt. Sehr sogar. Darum lie… darum mag ich dich ja so. Und jetzt sagst du mir, das habe ich mir alles eingebildet?”
“Ich weiss nicht, wie ich auf dich gewirkt habe. Ich weiss nur, wie ich mich gefühlt habe.”
“Ok, das kannst natürlich nur du wissen.”
“Genau.”
“Also, dann”, Ich setzte mich hin und zog mir die Socken an, “gehe ich jetzt wohl.”
Ich erhob mich und wandte mich zur Tür. “Schönes Leben noch!”
Ich war zynisch, aber du bist nicht darauf eingegangen.
“Wünsche ich dir auch, Henry.”
Nach der Show stand ich mit meinem Freund und einigen Leuten aus dem Publikum vor dem Lokal. Wir rauchten und tranken ein Bier. Nach einiger Zeit bist du mit zwei anderen Tänzerinnen dazu gekommen. Du hast Jeans schwarze getragen und ein einfaches schwarzes Top. Deine Haare waren jetzt offen. Sie waren zu einem Bob mit Ponny geschnitten. Auch ihr hattet ein Bier in der Hand. Ihr habt euch nur ein paar Schritte neben uns gestellt und euch lachend unterhalten. In einer kurzen Gesprächspause hast du mir zugelächelt. Ich habe die Bierflasche gelupft und du hast die Geste erwidert. Ich wollte dich ansprechen, aber ich zögerte. Vielleicht war das unangebracht. Dann tat ich es doch.
Ich überlegte, ob ich dich umarmen sollte, aber nach all deinen Worten war mir nicht danach. Es war nicht mehr zu ändern und zumindest ein Fitzelchen Stolz wollte ich mir noch bewahren. Ich fasste nach der Türklinke und schaute, ob du mich zur Tür bringen wolltest. Ich war bereit, dich zurückzuweisen, aber du hast nicht mal gezuckt. Im Hausflur band ich mir die Schuhe und der Moment fühlte sich seltsam an. Ich passierte eine Schleuse, war zwar noch bei dir, aber auch schon weg. Auf der Strasse merkte ich, dass ich mein Drehzeug oben hatte liegen lassen, und ich ärgerte mich. Normalerweise hätte ich es einfach kurz geholt, aber das ging jetzt nicht mehr. Da machte mir schon in diesem allerersten Augenblick ohne dich klar, was unsere Trennung bedeutete. Es war nun eine Wand zwischen uns. Sie war zwar rein fiktiv, wie die zwischen Bühne und Publikum, und ich hätte sie ohne Mühe durchbrechen können. Aber das hätte nur zu Irritationen geführt. Wahrscheinlich ist es besser, wenn jeder auf seinem Platz bleibt.
“Du hast mich ja ganz schön ins Schwitzen gebracht da drinnen.”
“Oh, echt? Das tut mir wirklich furchtbar Leid!”
“Mhm, bestimmt. Das glaub ich dir sofort.”
“Wer sich ganz nach vorne in die Mitte setzt, muss leiden. Das ist Gesetz bei uns.”
“Gelitten habe ich eigentlich nicht. Höchstens ein bisschen, als ich an meinen letzten Zahnarztbesuch gedacht habe.”
“Warum hast du an deinen letzten Zahnarztbesuch gedacht?”
“Um, naja, du weisst schon. Um eine bestimmte Reaktion zu unterdrücken.”
Du hast gelacht. “Ist es dir gelungen?”
“Hast du was gespürt?”
“Nein.”
“Also!”
“Ich weiss nicht, ob das ein gutes Zeichen ist.”
“Für dich oder mich?”
“Für uns beide.”
Ich habe gelacht. “Du kannst es gerne noch mal versuchen.”
“Das kostet dich aber ne Menge.”
Du hast gelacht. Dann entstand ein Pause. Sie war dabei, zu lang zu geraten, und ich sagte, “Jedenfalls habe ich mir alles genau eingeprägt. Ab jetzt werde ich beim Zahnarzt nur noch an dich denken. Immer wenn ich auf dem Stuhl liege und der Bohrer geht an, werde ich mir vorstellen, wie ich hinter dir stehe und deinen … Rücken ansehe.”
“Meinen Rücken, so, so.”
“Was denkst du denn, wo ich hingeguckt habe?”
“Ich hätte da einen Tipp.”
“Also bitte, ich bin ein Gentleman. Meine Gedanken sind rein und fromm.”
“Schade.”
Du hast mir in die Augen gesehen.
Wir lagen nackt auf deinem Bett und ich drehte mir eine Zigarette.

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