Schwarzer Sumpf

Short Stories

Die Kunst des Nachgebens

Über ihren Oberkörper gebeugt kniete ich zwischen ihren gespreizten Beinen und presste ihre Arme gegen den Boden. Ihre Handgelenke waren schmal, fast fragil, und es kostete mich kaum Mühe, sie im Griff zu halten. Ich sah, wie sich ihr Brustkorb schnell hob und wieder senkte. Sie keuchte auf und zuckte, versuchte sich irgendwie unter mir herauszuwinden. Doch sie hatte nicht den Hauch einer Chance. Sie war mir ausgeliefert, solange, wie ich das wollte. Ich spürte, wie mir langsam ein Schweißtropfen über die Stirn rann und an meiner Augenbraue hängenblieb. Gleich würde er herunterfallen. Kondensierte, uns meistens anekelnde Körperlichkeit. Ich beugte mich weiter über sie, bis meine Wange neben ihrer war. Ihr Gesicht glühte. Der Tropfen löste sich und landete auf dem grauen Boden. Ich stützte mich wieder auf die Arme. Sie unternahm einen letzten Befreiungsversuch. Jetzt begriff auch sie, dass sie mich niemals würde wegstoßen können. Ich konnte mit ihr anstellen, was ich wollte. Ihr Blick wurde ernst und ich meinte, kurz Unsicherheit, ja sogar Angst in ihren strahlend blauen Augen aufblitzen zu sehen. Dann lächelte sie wieder und mir war es jetzt, als würde ihr das alles gar nicht schlecht gefallen. Ich dissoziierte, trat aus mir heraus und sah mich als schweren, bärtigen Mann auf dieser jungen Frau mit Sommersprossen und geröteten Wangen liegen, fast ein Mädchen noch, mit makelloser Haut und Festival-Armbändchen. Es begann mich zu erregen. Ich wusste, dass es das nicht tun sollte, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren, auch weil es mir so schien, als würde es sie auch erregen. Gut, dass der Trainer mich mich aus dem Moment riss.
“Zeit!”, rief er. “Wir wechseln.” Ich löste meinen Griff und wir standen auf. Vor der Verbeugung richteten wir unsere Anzüge, die aus grobem, weißem Stoff genäht waren. Sie sah mich ein letztes Mal an. Ihr Lächeln sagte mir, dass sie sich vollends geschlagen gab. Sie machte mir mit diesem letzten Lächeln klar, dass sie die Dinge am Ende akzeptiert hatte, dass wir nun aber beide wieder zurück zur Lüge kehren würden. Wir, und alle im Raum, würden weiterhin so tun, als wären die Dinge nicht, wie sie waren, sondern modern. Und in der modernen Welt konnten sich Frauen gegen Männer wehren. In der modernen Welt hatten Frauen auch keinen Gefallen an einem schweren, bärtigen Mann zu haben, der sich übermächtig auf sie legt. Nein, in der modernen Welt waren Frauen selbstbestimmt und wehrhaft. Sie gingen ein paar Mal in einen Kurs und konnten sich anschließend verteidigen. Das meinten sie. Das redeten wir ihnen ein. Aber das war Unsinn. Ich hatte es ihr soeben bewiesen. Nur weil ich es so entschieden hatte, hatte mein Tropfen sie nicht getroffen.


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