Short Stories

[4.749 Wörter] Es war eigentlich schon aus gewesen. Pat hatte Schluss gemacht.“Du kommst einfach nicht aus dem Quark”, hat sie gesagt, und ich konnte das nicht von der Hand weisen. Sie war mittlerweile Master und auf dem Weg zur Psychotherapeutin, ich war noch immer Dauerstudent der Philosophie ohne jegliche Perspektive. Die Kluft zwischen uns wurde…

[1.525 Wörter] Hinter einer Fensterscheibe im zweiten Stock hockte eine graue Katze und starrte zu mir herunter. Ein Güterzug rumpelte über die Eisenbahnbrücke, in deren Schatten ich stand, und es hörte sich an, als würden die Stahlbögen gleich bersten. Die Katze schien die Erschütterung wahrzunehmen. Sie wandte kurz den Kopf, dann machte sie einen Satz…

[447 Wörter] Über ihren Oberkörper gebeugt kniete ich zwischen ihren gespreizten Beinen und presste ihre Arme gegen den Boden. Ihre Handgelenke waren schmal, fast fragil, und es kostete mich kaum Mühe, sie im Griff zu halten. Ich sah, wie sich ihr Brustkorb schnell hob und wieder senkte. Sie keuchte auf und zuckte, versuchte sich irgendwie…

[2.456 Wörter] Salziger Schweiß rann mir über das Gesicht und ich fing ihn mit der Zunge auf, während ich in meiner Hosentasche vier rosafarbene Papierbons zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieb, jeder von ihnen fünfzig Cent wert. Meine Mutter hatte sie mir vorhin in die Hand gedrückt, damit ich mir eine Cola kaufen konnte. Ich schmeckte…

[1.389 Wörter] Es gibt Menschen, die ihr Leben lang Kind bleiben und das in einem guten Sinne. Diese Menschen wollen die Lektionen des Lebens nicht lernen, weil sie erkennen, dass sie dadurch nicht weiser werden, sondern lediglich schlechtere Menschen. Denn das, was wir Erwachsenwerden nennen, bedeutet in Wahrheit doch meistens nur anzufangen, sich und andere…

[4.491 Wörter] Ich saß noch immer in dieser gottverdammten Wohnung, ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Sex und ohne irgendeine Idee, was ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen sollte. Vor einer Woche war mein Stiefbruder innerhalb von vier Wochen an Krebs gestorben. Verreckt! Er ist regelrecht an Krebs verreckt, erst wurde sein Blut vergiftet,…

[5.208 Wörter] Verdammt noch mal! Warum ist es so heiß hier drin? Die gottverdammte Scheißschminke läuft ja direkt wieder runter. Kein Wunder, die Heizung ballert auf fünf! Verdammte Scheiße und verdammter Scheißdrecksrollkragenpullover! Warum? Bin ich eigentlich behindert? So, jetzt noch mal in Ruhe! Erst das Schwarz um die Augen, vorsichtig, ganz in Ruhe. Geht doch!…

[2.441 Wörter] Ich hasste die Fahrschule. Es war nicht das Autofahren. Das machte mir Spaß und dafür hatte ich ein Händchen. Mein Vater hatte mich schon früh im Urlaub auf dem Feldweg fahren lassen und seit einem Jahr übte ich auf der Straße vor unserem Haus Anfahren und Einparken. Wir wohnten in einer Sackgasse am…

[3.375 Wörter] Bei Frechen führte die Strecke über einen Hügel und die Autobahn sah aus wie ein rot-weißes Leuchtband. Das aufgepeitschte Moderatorenduo im Radio kündigte den nächsten Popsong an, als wollten sie mir meine Müdigkeit unter die Nase reiben. Ich musste gähnen, was Günther sofort amüsiert kommentierte. „Das kennt der Student nicht, wie? Früh raus…

[362 Wörter] Das Haus gegenüber ist grau und kantig wie ein Bunker. Die einmal bunten Markisen sind ausgeblichen und voller Vogelkot. Er hat das Haus den ganzen Tag vor Augen und große Teile der Nacht, kennt mittlerweile jede Rille und jeden Riss, kennt seine Bewohner. Zumindest diejenigen, die ab und an auf die Balkone treten…

[2.874 Wörter] Ich stelle meinen Fünf-Franken-Kaffee auf den kleinen Tisch eines Viererbereichs und setze mich ans Fenster. Kurz darauf werde ich eingezwängt von einer Gruppe Senioren in Funktionsjacken und mit bester Wanderlaune. Es ist Dienstag und gerade mal halb neun, aber ich bin solche Ungeheuerlichkeiten mittlerweile gewohnt. Ich zerknülle die Tüte von meiner Brezel und…

[2.319 Wörter] Nach gut zweihundert Kilometern tauchte seine Heimatstadt das erste Mal auf einem der blauen Schilder am Straßenrand auf.„Es wird ernst.”Sie lachte.„Vielleicht sollten wir uns doch ein Zimmer im Zentrum nehmen”, sagte er.Sie legte ihre Hand auf sein Knie. „Mach dir nicht so viele Gedanken!” Sein Vater kam in verwaschener Jeans und Daunenweste ans…

[3.875 Wörter] Ich werde wach, als die Wohnungstür ins Schloss fällt. Die Sonne bohrt ihre Finger durch die Schlitze des Rollladens. Ich drehe mich zur Wand. Das Kissen liegt nicht richtig. Ich drücke es ein, bausche es auf, falte es zusammen, doch es bringt alles nichts, ich finde keine bequeme Position. Kein Wunder, nach all…

[5.716 Wörter] Am Montag im Büro fühlte ich mich abgeschlagen. Mein Husten war wieder schlimmer geworden. Hannah tippte wie eine Besessene auf ihrer Tastatur.„Kannst du bitte heute mal bei Tom wegen dem Artikel nachfragen?“, sagte sie.„Ja.“Ich öffnete meine To-do-Liste. „Check Tom“ stand darauf ganz oben. Ich überflog die anderen Aufgaben: „Teaser“, „Abrechnungen“, „Artikel Geschichte einpflegen“,…

[4.570 Wörter] „Lass mich mal!“, Lucas schob Said zur Seite. Er packte den Griff mit beiden Händen und ruckelte an dem roten Metallkasten.„Geht nicht! Der ist neu.“„Doch, ich hab’s gleich.“Er ruckelte heftiger und der Kasten knallte gegen das Geländer, an das er gekettet war.„Hör auf, Lan! Die Leute gucken schon“, sagte Said. Lucas liess den…

[2.431 Wörter] Wie’sch hier gelandet bin? Kannisch Ihnen sagen. Dat weißisch noch, als wäret gestern gewesen. Solsche Momente vergisst mannisch. Die prägensisch eim ein, fürs Leben. Schwa mit zwei Kumpelz unterwegs gewesen. Nach der Schull hamma uns imma in der Stadt rumgetrieben. Zu Hause waja keina. Die Eltern hammja gearbeit dammalz, nö? Waja schon so.…

[2.811 Wörter] Ja, an Weihnachten hab ich wirklich Scheisse gebaut. Auf gut Deutsch gesagt. Also es war nicht an Weihnachten selbst, sondern ein paar Wochen davor. War mit Kollegen was trinken, so als Art inoffizielle Weihnachtsfeier mit dem Vertriebsteam. Die Feier mit der ganzen Firma hatten wir ja schon Ende November, weil alle unbedingt wieder…

[2.293 Wörter] Im Grunde waren schon am ersten Abend Risse entstanden. Nachdem wir uns bei einem Kioskbier beschnuppert hatten, gingen wir in die kleine Jazzkneipe am Barbarossaplatz. Du hast mich überrascht, als du John Coltrane sagtest, nachdem bei einem Track die ersten Saxofontöne erklangen. Unsere Chemie hat direkt gestimmt und du sahst umwerfend aus in…

[2.974 Wörter] Ich steckte die Zigarette an. Du hast mit dem Rücken zum Publikum vor dem blutroten Samtvorhang gestanden, der die Rückwand der Bühne verhangen hat. Deine weisse Bluse und deine ansonsten schwarze Kleidung haben perfekt zu diesem Rot gepasst. Schwarz, weiss, rot – die kraftvollste aller Farbkombinationen. Sie trägt das Licht in sich, aber…

[2.620 Wörter] Ich stand gerade in Köln-Mülheim im Garten einer Villa und habe die Fugen aus einer alten Backsteinmauer geflext, als du mir geschrieben hast. Es war kalt an diesem Dezembertag und ich hatte mir beim Kiosk schon drei Mal Kaffee im Pappbecher geholt, um mich aufzuwärmen. Der Himmel war bedeckt und hinter der Wiese…

[1.841 Wörter] Ein paar Kilometer vor dem Schkeuditzer Kreuz kündigt ein blaues Schild über der Fahrbahn die nahende Ausfahrt an: Halle/Saale A14. Ich denke zurück an Shanghai, an den Nachmittag, an dem wir es erfahren haben. Ich habe im Gästezimmer deines Vaters auf dem Bett gelegen, als du aus dem Bad kamst.“Ich bin schon fast…

[7.542 Wörter] „Hey, Weiler!“, rief der Schlotz, aber der Weiler reagierte nicht.„Hey, Weiler!“, rief der Schlotz noch einmal, aber der Weiler reagierte wieder nicht.„Hey, Weiler!“, rief der Schlotz erneut, aber der Weiler reagierte immer noch nicht.Hundert Mal ging das so. Und irgendwann guckte der Weiler rüber und rief:„Mann, Schlotz, was willst du von mir?“Der Schlotz…

[3.783 Wörter] Es ist 11:30 Uhr an einem Dienstag. Seit einer Dreiviertelstunde grüble ich über einem Sudoku, aber ich komme einfach nicht auf die letzten paar Ziffern. Ich sitze weder in einem Zug, noch in einem Hörsaal, weder bei der Arbeit, noch in einer Hotellobby. Ich sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe…

[1.168 Wörter] Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg. Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter. Mir wurde mulmig. Ich sollte es lassen. Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden…

[1.238 Wörter] Ein Novemberabend. Ich kehre in ein Bierhaus ein, um mir die Zeit bis zu einer Verabredung zu vertreiben und es warm zu haben. Ein Barhocker direkt vor der großen Scheibe zur Straße wirkt einladend. Die blonde Frau hinter dem Tresen nickt mir zu und kommt rum.„Hallo, was darf’s sein?“„Ich hätte gerne ein Pils vom Fass.“„Kriegste.“Während…