Als ich einundzwanzig Jahre alt war, hatte ich eine schwere Depression. Ich hatte ein Kulturwirt-Studium in Duisburg angefangen, wo ich mich vom ersten Tag an fremd fühlte. Zu Hause in Köln hing ich mit zynischen Kiffertypen rum, dort im Pott waren meine Kommilitonen weltoffene, unbeschwerte Bürgerkinder, auf die ich nicht klar kam. In meinem Zimmer im schmuddeligen Studentenwohnheim begann ich auch alleine zu trinken. Nach anderthalb Semestern brach ich das Studium ab. Bis dahin hatte ich mich durch jede noch so unerquickliche Lebenssituation hindurchgequält; damals sagte ich das erste und nicht das letzte Mal: Mir reicht’s! Ich teilte meinen Eltern meinen Entschluss mit und es folgten ein paar manische Wochen. Ich begann konsequent mit dem Rauchen und dachte, nun würde endlich ein freies Leben beginnen. Doch das war ein Trugschluss. Meine Depressionen, die mich schon seit Jahren quälten, wucherten nun ungestört aus. Ich kam tagelang nicht aus dem Bett. Gleichzeitig ging ich fast jeden Abend aus und betrank mich. Manchmal machte ich mich erst um halb eins auf den Weg in die Stadt. Da die Auswahl an offenen Clubs in einer Dienstag- oder Mittwochnacht nicht gerade groß war, landeten wir immer in irgendwelchen Studentenschuppen, wo damals Indie-Rock rauf und runter lief. Das meiste von dem Zeug mochte ich nicht besonders, aber Franz Ferdinand hörte ich gerne. Gerade habe ich sie mal wieder angemacht und es hat mich zurück in diese Zeit katapultiert, wo ich entweder mit hier unaussprechlichen Gedanken im Bett meines Kellerzimmers lag oder besoffen die Nächte zwischen zwei Werktagen verfeuerte. Frauen lernte ich in dieser Zeit keine kennen. Ich wusste noch nicht, wie das geht, und wenn ich an meine späteren, fatalen Liebschaften zurückdenke, können wohl beide Seiten von Glück reden, dass da noch niemand in meine Fänge geriet. Das einzig offiziell Sinnvolle, was ich in dieser Zeit tat, war beim WDR zu jobben, wobei dieser Job auch nur eine weitere Variante der Hölle war, in der ich damals lebte: Meine einzigen Aufgaben waren gelegentliche Botengänge durch das Universum an Gängen und Gebäuden, das die halbe Kölner Innenstadt abdeckte, und zwei Mal täglich ein Fax der Auslandskorrespondenten aus Mogadischu und Manila zu kopieren, um diese Kopien dann in einer Reihe von Zimmern abzugeben. Mehr gab es nicht zu tun und so saß ich stundenlang mit der stark übergewichtigen Sekretärin in einem Raum über der Domplatte, wo ich, das weiß ich noch, unablässig so ein beschissenes Browser-Game spielte, bei dem man einen Surfer Salti machen lassen musste. Ab und an kam der Chef rein, riss einen dummen Spruch, goss sich eine Tasse meines Kaffees ein, der stets als besonders gut gelobt wurde (ich tat einfach immer einen Löffel Pulver mehr rein, als sie mir anfangs gesagt hatten), und verschwand dann wieder in seinem Zimmer. Auch an meinem letzten Tag dort wusste ich nicht, was in dieser Abteilung überhaupt gemacht wurde. Einige später hieß es dann: “This fire is out of control”, und ich musste für ein halbes Jahr in eine Klinik.
Schreibe einen Kommentar