Ich stand gerade in Köln-Mülheim im Garten einer Villa und habe die Fugen aus einer alten Backsteinmauer geflext, als du mir geschrieben hast. Es war kalt an diesem Dezembertag und ich hatte mir beim Kiosk schon drei Mal Kaffee im Pappbecher geholt, um mich aufzuwärmen. Der Himmel war bedeckt und hinter der Wiese sah ich den Rhein als graues Band zwischen den Auen liegen. Du hast mich gefragt, ob wir uns treffen sollen, und wir haben uns für den Abend auf der Ehrenstrasse verabredet. Dass ich mich vorher nicht würde umziehen können, war dir egal. Du hast gesagt, Arbeitsklamotten seien sexy.
Gegen Vier begann es zu dämmern. Ich rollte die Kabeltrommel auf und legte sie zusammen mit der Flex in den Kofferraum meines alten Fiestas. Ich kehrte die Fugenreste zusammen und warf sie in die Mülltonne, machte noch eine letzte Runde durch den Garten, um sicherzustellen, dass ich nichts hatte liegen lassen. Dann setzte ich mich hinters Steuer und fuhr zu dir in die Innenstadt.
Du hast vor dem Café gestanden und mich angelächelt. Wir haben uns umarmt und in dieser Umarmung deutete sich schon alles an.
“Schön dich zu sehen, Henry”, hast du gesagt und mir dabei tief in die Augen gesehen.
Ich hatte deine Augen zuvor nie so strahlen gesehen, nicht bei den wenigen Malen, bei denen wir uns nach der Klinik wiedergesehen hatten, und in der Klinik erst recht nicht. Damals warst du in dich gekehrt gewesen, hattest die Arme selbst bei deinen Spaziergängen auf dem Gang vor deiner Brust verschränkt gehabt, dein Gesicht war voll und aufgedunsen gewesen. Die Frau, die mir jetzt gegenüberstand, war schlank und lebendig, und dein Gesicht, wenngleich noch immer etwas pausbäckig, war viel hübscher als zuvor. Du sahst aus wie ein anderer Mensch, und im Café erlebte ich, dass aus der alten Seele eine junge Frau geworden war, die kokettierte, schmeichelte, lachte und Pläne schmiedete.
Wir sassen uns gegenüber und tranken Wein, trotz der frühen Stunde, trotz der Tabletten. Du warst euphorisch und hast mir von deinem Tag erzählt, der unglaublich gewesen war. Um Fünf warst du aufgewacht, elektrisiert von einem Traum. Du hattest dem Direktor der Akademie einen Brief geschrieben und er hatte dich daraufhin in seine Klasse aufgenommen. Der Traum war so eindringlichen und klar gewesen, dass er einer Vorausdeutung gleichgekommen war. Du hast dich an den Schreibtisch gesetzt und dem Direktor tatsächlich einen Brief geschrieben. Darin hast du ihn beschworen, dass er dich aufnehmen muss, weil die Kunst dein Leben ist. Du hast den Brief eingesteckt und bist mit dem Fahrrad zur Akademie gefahren, denn du spürtest, dass du ihn dort antreffen würdest. Und tatsächlich, du hast die Pforte erreicht und er stieg aus dem Fond einer schwarzen Limousine, gestützt auf seinen bekannten Gehstock mit dem Totenkopfknauf. Du hast seinen Namen gerufen und ihm den Brief mit ein paar pathetischen Worten in die Hand gedrückt. Er hat eine Augenbraue hochgezogen und sich bedankt. Dann ist er in dem Gebäude verschwunden und du bist nach Hause gefahren, wo du das alles nicht fassen konntest. Du warst dir sicher, dass das der Wendepunkt war, und das wolltest du feiern. Aber niemand war da gewesen, der dich verstanden hatte, also hast du mir geschrieben.
Du bist dir mit einer Hand durch deine wilden blonden Haare gefahren, die um deinen Kopf schwirrten wie ein Heiligenschein.
“Ich kann das alles nicht fassen, Henry!”, hast du gesagt und dich gefragt, ob du wieder manisch bist. Ich konnte dir die Frage nicht beantworten, denn von Manien wusste ich nichts. Du hast mir erklärt, wie sie sind, hast mir erzählt, wie du einmal ohne Geld in der Tasche nach New York geflogen bist, um einen Mann zu erobern, der mit seiner Frau und seiner Tochter dorthin gezogen ist, hast mir erzählt, wie du einmal in einer einzigen Nacht eine dreissigseitige Hausarbeit geschrieben hast, zu der dein Professor meinte, das wäre die beste Arbeit gewesen, die er in seinen fünfundzwanzig Jahren an der Uni gelesen hätte, hast mir erzählt, wie du mit diesem Professor eine Affäre angefangen hast, die darin endete, dass du ihm nach New York nachgeflogen bist. Das und jede Menge anderer Sachen hast du mir erzählt. Sie haben mir eine Ahnung davon verliehen, wie eine Manie ist: betörend, berauschend und fatal. Ob ich glaubte, dass du wieder eine Manie hast, hast du mich erneut gefragt, und ich konnte diese Frage immer noch nicht beantworten, denn auch wenn du wie ausgewechselt gewirkt hast, so wirktest du nicht überdreht, nicht abwesend, nicht weltfremd, sondern im Gegenteil überpräsent und aufmerksam, auch mir gegenüber. Und mir ging es ja ganz genauso, auch ich war ganz im Moment, sodass wir uns gegenseitig verstärkt und in einen Rausch geredet haben, während wir dort im Café sassen. Alles, was du mir über dich und deine Stimmungen und Träume erzählt hast, hätte meinem eigenen Tagebuch entstammen können. Ich verstand dich, verstand, was es mit dir gemacht hat, als dir damals der Boden unter deinen Füssen weggerissen wurde, verstand, dass du nicht so tun konntest, als wärst du nie im Fiebertraum ins Loch gesprungen, deinem toten Vater in die Arme. Und du hast mich verstanden, hast das einsame Kind verstanden, hast verstanden, warum ich diese Scheisse bei der Arbeit auf mich nahm und wofür sie stand: für den Stein des Sisyphos, dem man nur trotzen kann, indem man den Kopf oben hält und den Göttern ins Gesicht lacht.
Irgendwann, es waren mittlerweile Stunden vergangen, hast du mich angesehen und mich gefragt, ob wir in ein Hotel gehen sollen. Du hast gesagt, dass du eines kennst, in dem du schon immer mal eine Nacht verbringen wolltest, auch wenn du keine fünf Kilometer entfernt wohnen würdest.
Im Auto hast du mir gesagt, dass du noch kurz zu Hause vorbei müsstest und wir haben bei dir Halt gemacht. Ich bin mit hoch gekommen und habe deinen Mitbewohner kennengelernt, den Handwerker mit dem Topfschnitt, der Tourette hatte und “Ohhh, Arsch ficken!” geschrien hat, als du dich nach deinen Schuhen gebückt hast. Mich hat er auf meine Klamotten angesprochen und seine Fragen waren mir etwas unangenehm, weil ich ja kein richtiger Handwerker war und mir wie ein Hochstapler vorkam. Er war trotzdem begeistert davon, dass ich auf dem Bau arbeitete, und lobte mich in vollen Tönen, pries mich regelrecht an, was wiederum dir etwas unangenehm war, glaube ich. Ich habe einen Blick in dein Zimmer geworfen, habe darin nicht nur eines deiner Bilder, sondern auch dein Bett stehen sehen, und mich natürlich kurz gefragt, ob es nicht töricht ist, nun in ein Hotel zu gehen. Doch gesagt habe ich nichts, denn es hätte diesen Abend, der wie weisser Schaum auf den schwarzen Wellen meines Lebens entstanden war, noch früher zerstört. Dein Mitbewohner hat darauf bestanden, dass wir ein Glas Wein mit ihm trinken, und so waren wir dann länger bei dir in der Wohnung und ich konnte sehen, dass deine Spannung abnahm und du müde wurdest. Ich habe dich gefragt, ob wir das mit dem Hotel lassen sollen, aber du hast gesagt: “Auf keinen Fall!”
Wir gingen vom Auto zum Hotel und es begann zu regnen. An der Rezeption hat eine junge Frau gestanden, die uns erst kein Zimmer geben wollte, weil das Bett nicht bezogen war. Wir haben sie dann bequatscht, es uns trotzdem zu geben – wir würden das Bett einfach selbst beziehen. Weil wir ihr sympathisch waren, hat sie sich darauf eingelassen und uns sogar noch einen Nachlass gegeben. Als sie verschwand, um die Bettwäsche zu holen, haben wir uns auf eine Bank vor der Rezeption gesetzt und gewartet, und während wir da nebeneinander sassen, wurde mir bewusst, dass wir uns bislang noch gar nicht berührt hatten. Wir würden gleich gemeinsam in ein Hotelzimmer gehen und dort miteinander schlafen, ohne uns vorher geküsst zu haben. Und obwohl mir dies dort auf der Bank auffiel und ich es seltsam fand, bin ich einfach neben dir sitzen geblieben, genauso regungslos wie du, denn mir gefiel es, dass es das alles gar nicht brauchte. Unsere Verbindung war längst da. Sie war in vielen gemeinsamen Wochen gekeimt und nun innerhalb eines einzigen Abends zur vollen Blüte gelangt.
Das Zimmer lag im obersten Stockwerk. Es war klassisch eingerichtet, sachlich und kühl und ohne jeden Kitsch. Über dem Bett hingen zwei Porträts in Schwarz-Weiss. Den Mann auf dem einen kannten wir nicht, der Mann auf dem anderen war Friedrich Nietzsche. Dies schien uns beiden so symbolhaft, dass wir darüber lachen mussten. Ausgerechnet Nietzsche würde der Pate dieser Nacht werden. Du hast dich in einen Sessel aus Drahtgeflecht fallen lassen und ich habe das Bett bezogen. Als ich zu dir rübersah, hattest du den Kopf in deine Hand gelegt und die Augen geschlossen. Du warst völlig erschöpft und das zu sehen hat mich berührt, denn ich konnte es nachempfinden. Unsere Leben kosteten Kraft, egal, ob sie gerade Funken sprühten oder unter Asche begraben waren. Ich habe mit meinem Handy ein Foto von dir gemacht und das simulierte Geräusch des Auslösers hat dich deine Augen wieder öffnen lassen. Du hast mich angelächelt.
“Henry!”, hast du gesagt. “Wir sind im Chelsea!” – So als wäre es auch meine lang gehegte Fantasie gewesen, dort mal eine Nacht zu verbringen.
Ich habe dir die Hände gereicht und dich aus dem Sessel gezogen. Dann haben wir uns geküsst. Das Zimmer hatte eine Gaube mit Fenstern, die so geneigt waren, dass sie etwas über die Hauswand hinausragten. Wir haben uns ausgezogen und mit den Händen auf den Scheiben abgestützt. Nackt schwebten wir über der Strasse und es war, als wären wir alleine auf der Welt. Niemand ausser uns sah den Regen im gelben Licht der Laternen fallen, niemand ausser uns sah, wie das Wasser leuchtende Pfützen schuf. Ich habe mich hinter dich gestellt und dich umarmt.
Danach lagen wir auf dem Bett und hörten die Tropfen auf das Metalldach der Gaube prasseln. Es muss um Mitternacht herum gewesen sein. Wir konnten nun nicht mehr aufhören, uns zu berühren. Der Busch zwischen deinen Beinen zog mich in seinen Bann. Ich kannte damals nur kahle Wüste; so ein verheissungsvolles Dickicht war neu für mich. Ich verlor mich in ihm und dachte dabei an Henry Millers Hymnen auf das weibliche Geschlecht. In dieser Nacht verstand ich sie mit einem Mal. Und ich verstand, dass es Frauen wie dich nicht mehr oft gibt auf dieser Welt. Denn dein Busch war auch ein Symbol, war ein Ausdruck deiner Natur. Er zeigte, dass du nicht in der heutigen Welt aus Beton, Stahl und Glas lebst, sondern in einer zeitlosen Welt, die unter einer Decke aus Samt wuchert wie ein Wurzelgeflecht.
Am nächsten Morgen vor der Mauer habe ich auf die sich unablässig drehende Scheibe der Flex gestarrt, die kreischend den grauen Mörtel zwischen den Backsteinen herausschleuderte, und es kam mir vor, als hätte ich die Baustelle nie verlassen gehabt und mir alles Sekunden zuvor nur zusammenfantasiert. Hatte ich wirklich die Nacht mit dir in einem Hotel verbracht? Ja, so war es, ich sah dich ja noch im Rückspiegel auf der Strasse stehen, während ich wegfuhr, ausgelaugt und ohne Frühstück direkt wieder nach Mülheim an die Mauer.
Gegen Zehn meldete sich mein Magen – zunächst, weil ich Hunger hatte, und dann, nach dem Frühstück am Kiosk, weil ich aufs Klo musste. Das war ein Problem und ich musste das Viertel eilig nach einem Ort absuchen, wo ich mich erleichtern konnte. Danach ging es mir besser, ich fühlte mich wacher und kräftiger, und der Unglaube wich Euphorie. Ich war durch die Nacht hindurch geglitten wie fremdgesteuert. Es war alles einfach passiert, organisch, natürlich, unschuldig, und genau deshalb war es so grossartig gewesen.
Immer wenn ich die Flex beiseitelegte, um meine Hände auszuschütteln und dann die letzten Brocken mit einem Zimmermannshammer aus den Fugen zu kratzen, wollte ich zum Handy greifen und dir schreiben. Aber ich tat es nicht. Es schien mir unangebracht, wie eine Geste, die nichts in unserer Geschichte zu suchen hatte. Was sollte ich in diese SMS auch für Worte packen, die dem, was letzte Nacht passiert war, gerecht werden konnten?
Auf dem Weg nach Hause hielt ich bei einem Dönerladen. Ich bestellte mir einen Teller, nahm mir einen Ayran aus dem Kühlschrank und setzte mich in die hinterste Ecke vor eine Wand mit Holzfurnier, die mit rot-gelben Wimpeln behangen war. Mit jedem Bissen wurde ich müder. Es war eine gesättigte Erschöpfung, eine zufriedene Erschöpfung. Ich liess mir noch einen Tee aus dem Samowar, dann fuhr ich nach Hause, wo ich aufs Bett fiel und einschlief.
Stunden später bin ich wieder aufgewacht und du hattest mir geschrieben. “Ich bin in der Klinik”. Die Nachricht machte die vergangene Nacht mit einem Faustschlag wieder unwirklich. Ich hatte sie mit einer Frau verbracht, die es jetzt nicht mehr gab. Während ich vor der Mauer gestanden hatte, warst du gekippt. Ich wusste nicht, was genau passiert war. Es spielte auch keine Rolle, denn ich kannte das Ergebnis. Die Blüte war bereits verwelkt. Ich habe dir geantwortet: “Ich wünsche dir viel Kraft!” Mehr habe ich dir nicht geschrieben. Mir war klar, dass meine Worte ohnehin verhallen würden. Ich war für dich bereits zu einer manischen Narretei geworden, die Ewigkeiten zurücklag. Ich zündete mir eine Zigarette an und schaute im Kühlschrank nach einem Bier, aber es war keines mehr da. Also machte ich mir eine Kanne Kaffee und rauchte weiter, während ich meinen Gedankenstrom in einem Notizbuch festgehalten habe. Ich lese ihn gerade das erste Mal seit damals.
Ich fuhr auch den Rest der Woche zur Mauer, dann rief der Chef die Weihnachtsferien aus. Ohne die tägliche Arbeit wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich unternahm ein paar Schreibversuche, aber was auch immer ich schrieb, es erschien mir abgeschmackt und hohl. Nachmittags ging ich spazieren. Dabei kam ich einmal auch an der Klinik vorbei. Sie nahm einen ganzen Block ein. Ich ging um das Areal herum und blieb vor der weiss getünchten Mauer an der Rückseite stehen, die den kleinen Innenhof mit den beiden Parkbänken einfasst. Damals warst du immer zum Rauchen dorthin gegangen, und ich stellte mir vor, dass du just in diesem Moment auf der anderen Seite der Mauer stündest, eine Zigarette in der Hand. Ich sah hoch zum Himmel, der an diesem Tag wolkenlos und blau war, und malte mir aus, dass du dasselbe tätest. Dann ging ich weiter.
Den Heiligen Abend verbrachte ich bei meinen Eltern. Ich fühlte mich niedergeschlagen, sagte aber nichts. Sie wussten nichts von dir und im Grunde wussten sie auch nichts von mir. Gegen halb Zwölf verabschiedete ich mich und lief zurück zu meiner Wohnung. Die meisten Fenster waren schon schwarz, nur hier und dort blinkte schrill eine Dekoration. Auf dem Vorplatz einer Kirche standen die verlassenen Buden eines Weihnachtsmarktes. Die Glocken läuteten gerade zur Christmette. Ich trat näher heran. Nebem dem Portal stand der Küster und begrüsste mich mit einem freundlichen Nicken. Ich warf einen Blick in das festlich leuchtende Kirchenschiff und entschloss mich, hineinzugehen. Die Reihen waren gut gefüllt. Ich blieb hinter der letzten Bank stehen. Vorne am Altar nahm der Priester letzte Vorbereitungen vor. Er stellte einen goldenen Kelch unter das Kreuz und legte das weinrot eingeschlagene Gesangbuch auf sein Pult. Dann drehte er sich um und sah in den Raum. Und mir war es, als kreuzten sich unsere Blicke. Sein Mund verzog sich zu einem mildtätigen Lächeln und er nickte. Mir kam das wie eine Aufforderung vor. Ich sollte mich hinsetzen und mich auf den Zauber einlassen. So verstand ich seine Geste, auch wenn er mich da hinten vermutlich gar nicht gesehen hat. Jedenfalls stiess es mich ab und ich wandte mich zum Gehen. Da sah ich den Ständer mit den Opferkerzen in der Ecke neben der Tür. Ich steckte eine Münze in den Kasten und zündete ein Licht für dich an. An die Mauer bin ich nie zurückgekehrt.

Schreibe einen Kommentar