Schwarzer Sumpf

Short Stories

Notiz 19

In gewisser Weise war ich ein Pionier beziehungsweise meiner Zeit voraus. Als ich um das Jahr 2000 mit dem Krafttraining angefangen habe, war ich gerade einmal 15. Damals gingen Teenager noch nicht reihenweise ins Fitnessstudio. Ich war eine ziemliche Ausnahme – und entsprechend viel Aufmerksamkeit und Bewunderung habe ich für meinen Körper bekommen. In gewisser Weise wurde er für mich identitätsstiftend.

Genau wegen dieses, wenn man so will, frühen Erfolgs bin ich heute sehr skeptisch, was den Fitness-Hype und den Körperkult anbelangt. Einerseits habe ich selbst erlebt, dass einige der propagierten Vorteile real sind. Andererseits bin ich nach wie vor besessen von meinem Körper und letztlich nie zufrieden mit ihm. Und trotz – oder gerade wegen – der vielen Jahre des Trainings wurde er immer schwächer und weniger leistungsfähig. Bis heute weiß ich nicht genau, warum.

Oft wünschte ich mir, ich hätte nicht so früh mit dem Krafttraining angefangen und stattdessen gelernt, meine Unsicherheiten auf andere Weise zu kompensieren beziehungsweise zu überwinden, anstatt in einen falschen Selbstwirksamkeits- und Leistungsethos zu verfallen.

Auf dem Bild sieht man mich außerdem beim Kampfsporttraining. Ich habe eine Zeit lang verschiedene Disziplinen ausprobiert, bis mich Verletzungen zum Aufhören gezwungen haben. Und nach wie vor ist Kampfsport für mich eines der faszinierendsten Dinge, die man mit seinem Körper anstellen kann.

Auf der anderen Seite muss man auch hier höllisch aufpassen, nicht in Selbstgefälligkeit oder toxische Muster zu verfallen. Denn irgendwann ist man anderen Menschen tatsächlich körperlich überlegen, wenn man entsprechende Techniken erlernt. Das kann das eigene Selbstbild verändern.

Wahr ist aber auch: Wir leben nicht in einer gefährlichen Welt, in der wir uns ständig verteidigen müssen. Die permanente Vorstellung, man müsse es doch, ist schlicht ungesund und lenkt von den schöneren Dingen des Lebens ab. Man wird letztlich ängstlich, misstrauisch und defensiv – ohne wirklichen Grund.


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