[3.424 Wörter] V. ist mir in Erinnerung geblieben, denn vielleicht habe ich sie missbraucht. Nein, ganz sicher sogar habe ich sie missbraucht. Vielleicht nicht im rechtlichen Sinne, aber menschlich. Sie wollte nicht mit mir schlafen, hat es am Ende aber doch gemacht. Früher hätte man gesagt: Weil ich sie verführt habe. Aber das zu behaupten, wäre gelogen. Ich habe sie bequatscht, bis sie nachgegeben hat, damals vor ihrer Haustür. Nur deshalb hat sie es getan. Und später hat sie es bereut, ganz so wie die Cat Person in dieser berühmten Short Story.
Die Nacht fing normal an. Wir haben uns in einer Cocktailbar getroffen. Sie hat mich direkt in ihren Bann gezogen mit ihren Eisbergaugen und ihren langen Beinen und dem blonden Haar. Und mit ihrer Art. Sie war kühl und direkt, wie man es von einer Lettin erwarten würde, fast schon ein wenig schroff. Als die Kellnerin zehn Minuten lang an uns vorbei lief, hat V. sie Mausi genannt.
“Mausi soll mal ihren Job machen!”, hat sie gesagt.
Das hat mir gefallen. Sie hat selbstbewusst gewirkt. Und sie konnte trinken. Ich war selbst kein Kind von Traurigkeit, doch ich hatte Mühe, mit ihr mitzuhalten. Sie hat die Wodka Tonic wie Limo heruntergekippt. Als die Bar zugemacht hat, standen drei oder vier für jeden auf der Rechnung. Sie hat nach ihrem Portemonnaie gegriffen, aber ich habe bezahlt.
“Ein Mann mit Manieren”, hat sie gesagt und ich habe genickt.
Später in einer Kneipe meinte sie, dass die meisten deutschen Männer Feiglinge wären, unsicher und zögerlich.
“Da brauchst du dir bei mir keine Sorgen zu machen!”, habe ich gesagt.
Ich habe ziemlich dick aufgetragen und sie hat gesagt: “Schätzchen, nimm den Mund nicht zu voll!”
Obwohl ihr Deutsch nicht perfekt war, hatte sie diese Worte voll drauf: “Mausi”, “Schätzchen”, “Freundchen”. Wir tranken noch zwei Bier, dann machte auch dieses Lokal zu. Draußen hat sie gefragt, ob wir einen Kiosk suchen sollen.
“Ich muss mal runterschalten”, habe ich gesagt, “Morgen um zehn ist Arbeit”, und sie meinte: “Schade, dann ist der Abend wohl zu Ende.”
“Oder auch nicht”, habe ich gesagt und sie schelmisch angelächelt.
“Das kannst du dir abschminken!”
Sie klang sehr bestimmt.
“Dann lass uns vielleicht doch noch nach einem Kiosk suchen.”
Als wir mit den Bierflaschen in der Hand auf einer Bank saßen, haben wir fast die ganze Zeit geschwiegen. Die frische Luft tat mir gut. Bei ihr hingegen schien der Alkohol nun doch Wirkung zu zeigen.
“Ich muss nach Hause”, hat sie irgendwann gesagt.
“Wo wohnst du denn?”
“Direkt die Straße runter.”
Sie ist aufgestanden.
“Ich bringe dich noch nach Hause”, habe ich gesagt. “Muss ja eh da lang.”
Vor ihrer Haustür hat sie mich umarmt und tschüss gesagt.
“So geht das nicht”, habe ich gesagt. “Online-Dates müssten mit einem Kuss enden, das ist ein Gesetz.”
“Nicht in Lettland.”
“Aber in Deutschland! Außerdem hast du so volle Lippen. Wie meine! Es wäre geradezu unerhört, wenn wir uns nicht küssen, bei solchen Lippen. Die passen sicher perfekt aufeinander!”
Sie hat gelächelt. “Unsere Lippen würden wirklich sehr gut aufeinander passen.”
“Also … ”
Wir küssten uns und rückten weiter in den Hauseingang.
“Ich muss jetzt wirklich hoch ins Bett.”
“Nimm mich mit!”
“Auf keinen Fall!”
“Aber ich habe es so weit nach Hause!”, sagte ich in gespieltem Jammerton.
“Du wohnst doch direkt am Alex, hast du gesagt.”
“Ja, eben, das ist viel zu weit, um da jetzt noch hinzulaufen. Es muss auch nichts passieren. Wir können uns doch einfach nur nebeneinanderlegen und einschlafen.”
“Is klar!”
“Mein ich ernst! Wir legen uns nebeneinander und schlafen ganz unschuldig ein. Wäre das nicht eine schöne Vorstellung? Ein bisschen Wärme in dieser kalten Stadt.”
Sie hat mich ernst angesehen und ich habe den Kopf ein wenig zur Seite gelegt.
“Ok”, hat sie endlich gesagt. “Aber es wird nichts laufen!”
“Keine Sorge!”
Ihre Wohnung war winzig. Wir haben im Flur die Schuhe ausgezogen und den einzigen Raum betreten. Die Wand gegenüber der Tür war nicht verputzt und die roten Backsteine haben mich an eine Stand-up-Bühne erinnert. Wir haben uns aufs Bett gesetzt. Ich habe einen Arm um sie gelegt und sie geküsst, bin mit der Hand über ihren Oberschenkel gefahren, über ihre Taille, dann unter ihr Top, über ihren Rücken und schließlich über ihre Brüste. Sie hat es geschehen lassen und meinen Rücken ertastet und meine Arme.
“Zieh das aus!”, habe ich sie aufgefordert und sie ist aus dem Top geschlüpft.
Ich habe ihren Hals geküsst und die Stelle unter ihren Schlüsselbeinen. Dann habe ich ihren BH geöffnet und ihn über ihre Schultern gezogen. Auch ich habe mein T-Shirt ausgezogen. Sanft habe ich ihren Oberkörper nach hinten gedrückt und sie ist wie von selbst auf die Matratze gesunken. Ich habe mich über sie gestützt und mit meinen Knien ihre Beine auseinander gedrückt, habe mich auf sie gelegt, sodass sie spüren konnte, wie hart ich war. Ich habe ihre Jeans geöffnet und sie heruntergezogen. Sie hat einen gewöhnlichen Baumwollslip getragen und ich habe meine Lippen darauf gelegt. Ich konnte sie riechen. Sie hat da gelegen mit geschlossenen Augen und ich wusste nicht, ob ich weitermachen sollte. Ich hatte unsere Verabredung im Sinn, aber ich wollte sie auch. Sie war in diesem Augenblick Fleisch gewordene Harmonie und sie lag direkt vor mir. Also habe ich ihren Slip heruntergezogen und mein Gesicht zwischen ihren Beinen vergraben. Sie war feucht! Als ich nach einiger Zeit wieder auftauchte, hat sie gesagt: “Warum bin ich eigentlich nackt und du nicht?”
“Soll ich mich ausziehen?”
“Ja!”
Ich habe meine Jeans und meine Boxershorts abgestreift.
Es war gut! Doch als ich irgendwann zu ihr sagte: “Dreh dich um!”, hat sie mir entgegnet: “Auf keinen Fall!”
Das hat mich irritiert. Ich habe es nicht verstanden. Hinterher habe ich sie geküsst und wir sind schnell eingeschlafen. Ich war zufrieden.
Wir wachten gegen neun auf. Ich zog mich zügig an, denn in einer Stunde musste ich im Büro sein. Als wir uns an ihrer Wohnungstür gegenüberstanden, kam mir eine Idee.
“Sag mal, hast du Lust am Samstag mit mir zu einem Konzert zu kommen?”
“Sicher”, hat sie gesagt. “Können wir machen.”
Sie klang nicht wirklich angetan von der Idee, sondern eher so, als würde sie zustimmen, um mir einen Gefallen zu tun. Aber wahrscheinlich, so sagte ich mir, war sie nur genauso zermatscht wie ich. Ich gab ihr einen Kuss und lief die Treppe herunter.
Im Büro war es die Hölle. Ich saß mit schwerem Schädel am Schreibtisch und versuchte, einen Text über Ballaststoffe in die Tastatur zu hämmern. Während einer Pause begegnete ich in der Küche Tom, der bei uns den Amazon-Shop aufbaute. Er war ein paar Jahre älter als ich, was man ihm nicht ansah. Spitzbübisch stieß er mich in die Seite. “Und, wieder ein Date gehabt?”
“Mhm.”
Ich hatte eigentlich keine Lust über den Abend zu reden, aber er ließ nicht locker, bis ich ihm schlussendlich die Fotos auf ihrem Profil in der App vor die Nase hielt.
“Ist ne Süße”, sagte er fachmännisch nickend und für ein paar Momente schien er in Erinnerungen zu versinken.
“Mann, du Glücklicher!”, sagte er schließlich, “Nimm alles mit! Irgendwann ist das vorbei …”
Er war seit ein paar Jahren mit seiner Freundin zusammen. Sie wollten in ein paar Monaten heiraten. Je näher der Hochzeitstermin rückte, desto geiler wurde er auf meine Dating-Geschichten, schien mir. Sie waren seine Brücke zurück in die Zeiten, in denen er “halb Berlin gefickt hatte”, wie er sagte.
Ich hatte immerhin ein paar Absätze zusammengebracht, als ich das Büro gegen sechs Uhr verließ, um nach Hause zu laufen. Ich beschloss, eine Runde im Fitnessstudio einzulegen. Dank einem von der Firma gesponserten Angebot konnte ich aus einer ganzen Auswahl von Gyms wählen. Ich entschied mich für das ranzige Studio am Rosenthaler Platz. Ich mochte es, vom Ergometer aus auf das Treiben der Stadt zu schauen. In den Pausen chattete ich mit zwei alten Freunden in der Heimat. Ich erzählte ihnen von meinem Date und merkte, wie sehr mir V. gefiel.
“Ich glaube, ich habe meine Traumfrau kennenlernt”, schrieb ich und schickte ihnen ein paar Screenshots. Sie beglückwünschten mich und mit der Sporttasche über der Schulter ging ich gelockert und müde nach Hause.
Auf der Couch öffnete ich reflexhaft die App, um die neuesten Matches und meine Nachrichten zu checken. Eine Brünette namens O. hatte zurückgeschrieben. Auf ihrem Hauptfoto saß sie in einem schicken Restaurant und sah aus wie eine Frau, die sich in Kreisen bewegte, zu denen ich keinen Zugang hatte und auch keinen Zugang haben wollte. Aber ich mochte ihr Gesicht. Es ist schwer zu beschreiben, was genau mir daran gefiel. Was ich noch weiß: Sie hatte sehr dunkle, treue Augen. Keine naive Treue, sondern eine sehnsüchtige, wissende Treue, eine Treue gegenüber dem Schmerz. So kam es mir vor und später erfuhr ich, dass ich recht hatte. Ich fragte sie, woher ihr eigenwilliger Name käme, und sie entgegnete, ich sollte raten.
“Das ist rumänisch”, klärte sie mich auf, was ich sofort spannend fanV. Wir verabredeten uns für den kommenden Abend in der “Sharlie Cheen”-Bar gleich um die Ecke von dem Fitnessstudio, in dem ich eben noch gewesen war. Nach einem Moment der Euphorie verspürte ich ein Schuldgefühl. Ich dachte an die Nacht mit V. und daran, dass sie mich doch eigentlich schon im ersten Moment umgehauen hatte. Warum riskierte ich nun, das alles direkt mit einer anderen zu überschreiben? Ich wusste es nicht, aber ich wollte es so. Ich wollte auch diese O. kennenlernen und alle, die sonst noch Reihe standen.
Am nächsten Tag ging ich schon vor der Arbeit zum Sport. Im Büro beendete ich den ersten Entwurf des Ballaststoff-Artikels schneller, als ich es am Vortag gedacht hätte. Das sicherte mir eine lockere Restwoche. Tom legte mir eine Hand auf die Schulter und beugte sich zu mir herunter. “Kommst du noch mit zum Späti?”
“Nur kurz, hab was vor.”
“Du alter Casanova!”
“Pssst!”, zischte ich und kniepte der jungen Texterin zu, die mir gegenübersaß. Sie lächelte mich offenherzig an und schaute wieder auf ihren Bildschirm. Eigentlich interessierte sie mich nicht, denn trotz ihres jungen Alters hatte sie schon eine etwas tantige Art an sich. Nun fragte ich mich, ob ich mich in ihr täuschte.
“Das darfst du doch hier nicht so rumposaunen”, raunte ich Tom so laut zu, dass sie auch das hören musste. “Was sollen denn die Kolleginnen von mir denken?”
Ohne mich noch einmal anzuschauen, verzogen sich ihre Lippen wieder zu einem Lächeln. Ich stand auf und klappte den Laptop zu.
“Kommst du auch mit?”
Sie sah mir etwas zu lange in die Augen, bevor sie meinte, dass sie leider nicht konnte. “Aber demnächst mal gerne!”
Nach zwei Bier verabschiedete ich mich von meinen Kollegen. Ich sprang schnell beim Netto rein, um Fischstäbchen, Kartoffelsalat und eine Packung Kondome zu kaufen, dann aß ich zu Hause zu Abend und machte mich langsam fertig.
O. und ich waren die letzten Gäste in der Bar und es war uns beiden klar, dass dieser Teil der Nacht auserzählt war. Ich beugte mich zu ihr und wir küssten uns. Ihre Zunge schoss geradezu in meinen MunV. Hart, groß und fordernd rang sie meine Zunge nieder, es kam mir fast ordinär vor, wie sie küsste. In diesem Moment wusste ich, dass sie mitkommen und dass wir beide Spaß haben würden. Vielleicht wusste sie selbst gar nicht, wie sehr sie es wollte und wie sehr sie das zeigte. Vielleicht dachte sie, so küsste man eben, so küsste jede, alles ganz normal. Aber so zu küssen, war ganz und gar nicht normal. Ich hatte so eine fordernde Zunge noch nie erlebt. Es war der reinste Überfall, eine Invasion meines Mundes, eine offene Kriegserklärung. Oder vielmehr eine unverblümte Kapitulation!
Nebeneinander gingen wir die Torstraße entlang, bis wir vor dem braunen Klotz standen, in dem ich wohnte. In meinem Zimmer stellte ich mich hinter sie und legte meine Lippen sachte auf ihren Nacken. Dann streifte ich langsam ihre Kleidung ab. Sie trug stilvolle, schwarze Reizwäsche und der ganze Moment kam mir unwirklich sexy vor, wie eine Szene aus einer Parfümwerbung, so eine Szene, über die man denken würde: ja, sicher! Ich zog sie auf mein selbst zusammengezimmertes Bett. Anschließend lagen wir eine Weile nackt nebeneinander, bis sie plötzlich meinen Penis in den Mund nahm. Ich hatte das in keinster Weise initiiert, schon gar nicht verlangt. Es war mir sogar unangenehm, weil erst wenig Zeit vergangen und entsprechend wenig von mir zu erwarten war.
“Mach dir keine Gedanken und lass mich einfach machen!”, sagte sie.
Ich spürte wieder diese harte Zunge und es machte nun irgendwie Sinn für mich, was sie tat. Denn sie tat das alles nur für sich. Als ich das begriffen hatte, lehnte ich mich einfach zurück und ließ mich ein. Nach einer Weile zeigte ihr Zungenspiel Wirkung und wir schliefen noch einmal miteinander.
“Bist du gut nach Hause gekommen?”, schrieb ich ihr eine knappe halbe Stunde, nachdem sie wieder in ihre elegante, schwarze Kleidung geschlüpft war und sich verabschiedet hatte.
“Ja, aber mich hat so ein Typ verfolgt”, antwortete sie, und dass sie schon ihren Haustürschlüssel zwischen die Finger geklemmt hatte. Mehr war aber wohl nicht passiert, sodass ich ihr eine gute Nacht wünschte.
“Ich hatte einen schönen Abend, müssen wir wiederholen!”, fügte ich noch an.
“Ja, das müssen wir.”
Auf eine fast hämische Weise zufrieden mit meinem Leben streckte ich mich auf der Matratze aus, dann dachte ich an V. und es fühlte sich seltsam an. Schon nach zwei Tagen war etwas zwischen uns getreten und hatte wahrscheinlich alles im Keim erstickt. So kam es mir vor. O. hatte nicht nur mich, sondern auch sie überrollt. Ich warf die Situation, in die ich geraten war, in meinem Kopf hin und her, spielte mit den Ereignissen herum, fand schließlich einen Fußballvergleich, der mich erheiterte. Lettland nutzt die Gelegenheit zur frühen Führung, so faßte ich mit der Stimme von Gerd Rugenbauer, die mir seit Kindertagen nie mehr aus dem Ohr gegangen ist, zusammen, doch Rumänien hat noch sowjetisches Arsenal aus dem Kalten Krieg zur Hand und erzielt postwendend den Anschlusstreffer. Jetzt scheint die rumänische Offensive nicht mehr aufzuhalten. Oder haben die Letten doch noch etwas in Petto? Naja, sagte ich mir gähnend, der Samstag würde es ja zeigen. Und überhaupt: Was für Luxusprobleme!
Donnerstag und Freitag verabredete ich mich zu keinem Date, sondern konzentrierte mich auf mich und meinen Körper. Ich ging in zwei weitere Fitnessstudios, wobei ich einmal an einem “Animal Movement”-Kurs teilnahm. Während ich mich wie ein Affe über die Matte bewegte, schien mir V. doch wieder die Oberwasser zu bekommen. Klar, O. war die ungestümere, lustvollere, erwachsenere. Aber passte nicht gerade deshalb V. viel besser zu mir? Was sollte ich denn einer gestandenen Businessfrau langfristig bieten?
“Und jetzt werden wir zu Fröschen”, rief der sehnige Kursleiter und ging in die Hocke. Ich folgte seiner Anweisung und hüpfte hinter einer Mittvierzigerin in Leggins her. Sie hatte eh schon einen dicken Hintern. Und jetzt wurde er durch die Pose noch einmal breiter, was ihre Leggins so sehr spannte, dass sie durchsichtig wurde. Ich konnte keine Unterwäsche entdecken und merkte, wie mich das anmachte, obwohl ich die Frau eigentlich überhaupt nicht attraktiv fanV. Später traf ich sie in der Sauna wieder. Sie lag etwas versetzt eine Stufe unter mir und hatte die Augen geschlossen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, immer wieder zu ihr zu schielen, und bekam eine Erektion, die ich mit meinen im Schoß gefalteten Händen verdeckte. Zu Hause onanierte ich auf die Erinnerung daran.
Dann kam endlich der Samstagabend. Ich traf V. vor der Columbiahalle, vor deren Eingang sich bereits eine lange Schlange gebildet hatte. Madrugada waren seit 2008 nicht mehr aufgetreten. Jetzt tourten sie anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums ihres Debütalbums “Industrial Silence” durch Europa. In den letzten Wintern war der dunkle Sound der Band zu meinem Soundtrack geworden und ich freute mich darauf, gleich ihr Wiederauferstehen miterleben zu dürfen. Gleichzeitig spürte ich, dass zwischen V. und mir keine wirkliche Chemie mehr bestanV. Verglichen mit Montagabend wirkte sie in sich gekehrt und verschlossen. Im Vorraum des Konzertsaals kaufte ich uns Bier. Ich hoffte, dass sie das etwas entspannen würde. Und mich auch. Viel zu reden hatten wir nicht, darum war ich dankbar dafür, dass die Band nicht lange auf sich warten ließ. Wir fanden einen Platz, von dem aus wir eine gute Sicht auf die Bühne hatten. Direkt vor uns stand ein Pärchen, das im Gegensatz zu uns beste Laune hatte. Sie alberten herum, dabei stieß die Frau gegen den Arm von V. Bier schwappte heraus und traf ihren Schuh. Die Frau drehte sich kurz um und entschuldigte sich knapp.
“Das Mausi sollte mal besser aufpassen, sonst kriegt sie das über den Kopf”, sagte V. Zu meinem Erstaunen schien sie ernsthaft sauer geworden zu sein. Oder sie war es schon gewesen und jetzt war es nur aus ihr herausgeplatzt.
Nach den ersten beiden Songs fand ich endlich heraus aus meiner alles sezierenden Grübelei. Auch das Publikum wachte langsam auf und wurde von der Musik aus seinen Alltagssorgen getragen. Worüber macht ihr mir überhaupt Sorgen? Waren das nicht die Momente, die man später mal in nostalgischer Stimmung erzählte? Wie man da mit einer schlanken, großen Blondine aus Lettland in Berlin auf einem Rockkonzert war. Und diese Blondine, liebe Kinder, war eure Mutter! In so einem Narrativ würde das Ganze gipfeln, wenn es wirklich, wirklich Bedeutung gehabt hätte, was dort in der Columbiahalle stattfanV. Doch so war es natürlich nicht. V. hatte nach ungefähr einer halben Stunde die Nase voll und sagte mir, dass sie im Vorraum auf mich warten würde. Kurz dachte ich mir: Soll sie doch – ihr Pech! Aber so frei war ich dann doch nicht. Ich ging ihr nach nur wenigen Minuten nach, wohlwissend, dass die Band jetzt mehr und mehr aufdrehen würde. An der leeren Bar, an die nur hin und wieder jemand trat, um sich schnellen Nachschub zu besorgen, stand ich also nun neben der sauertöpfisch dreinschauenden V. und hörte gedämpft durch die eiserne Flügeltür, wie drinnen die Post abging. Nein, Kinder, V. wurde nicht eure Mutter. Sie verdarb mir einfach nur das Konzert und dann brachte ich sie noch zur U-Bahn-Station Mehringdamm, wo sie mir erzählte, wie schlecht sie sich fühlte, weil sie Montagnacht mit mir geschlafen hatte. Sie sagte mir, sie hätte so etwas noch nie gemacht, weil man das in Lettland nicht machte. Nur Schlampen würden so etwas machen und jetzt fühlte sie sich wie eine Schlampe. Ich spulte daraufhin ein Plädoyer für die in Berlin doch eigentlich omnipräsente “Sex Positivity” ab, aber es half nichts. Gegen das verinnerlichte Wertekorsett einer lettischen Mutter kam meine Rede nicht an. Abgesehen davon, dass ich fühlte, was für ein Blödsinn das alles war, was ich da quatschte. Ich hatte V. am frühesten Dienstagmorgen vielleicht nicht im klassischen Sinne abgefüllt, aber ganz sicher hatte ich sie auch nicht vor sich selbst und ihren durch mich provozierten Unsicherheiten geschützt. Stattdessen hatte ich sie im Wortsinne “verführt”, sie “dazu gebracht, etwas Unkluges gegen ihre eigentliche Absicht zu tun” und sie “zum Geschlechtsverkehr verleitet”, wie der Duden es ausdrückt. Mit einem mehr als faden Beigeschmack umarmte ich sie zum Abschied noch ein letztes Mal, bevor sie die Stufen zu den Gleisen herunterstieg, ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen. Für mich eine weitere Kerbe, für sie eine weitere Narbe, so musste man wohl bilanzieren. Nachdenklich steckte ich mir die Kopfhörer in die Ohren und ging Richtung Mitte. O. hatte mir geschrieben. Sie fragte, wie es mir ging.
“Gut, gut”, antwortete ich. “Lust morgen Abend etwas essen zu gehen?”
“Gerne!”, schrieb sie.
Ich öffnete die App.
“Ihr seid ein Match! – Schreib S. direkt eine Nachricht!”
“Ihr seid ein Match! – Schreib A. direkt eine Nachricht!”
“Ihr seid ein Match! – Schreib D. direkt eine Nachricht!”

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