Meine Eltern trennten sich, als ich drei oder vier Jahre alt war, blieben aber im selben Haus wohnen. Mein Vater zog in die Wohnung im ersten Stock, ich zog mit meiner Mutter ins Erdgeschoss. Den Keller und den Garten teilten sich die beiden. Und so wurde ich ein Wandler zwischen zwei Welten, die nur noch durch mich verbunden waren. Und nicht selten drehten sich die Vorzeichen um, wenn ich von der einen Wohnung in die andere ging. Was meine Mutter mir erlaubte, missbilligte mein Vater, und umgekehrt, wobei die beiden am jeweils anderen kein gutes Haar ließen. Ein paar Mal die Woche begegneten sich die beiden im Hausflur oder sonstwo, und fast jedes Mal endeten diese kurzen Treffen meiner Eltern im Streit.
Teil dieses verrückten und pädagogisch furchtbaren Arrangements waren unsere noch verrückteren Nachbarn. Nebenan wohnte die flamboyante beste Freundin meiner Mutter, die mein Vater auf den Tod nicht ausstehen konnte. Und bei ihr im Keller wiederum lebte ein abgehalfterter Galerist, der die Finger nicht von der Flasche lassen konnte und sich obsessiv mit dem Dritten Reich beschäftigte. Er war neben mir der einzige, der freien Zugang zu beiden Welten hatte, der meiner Mutter und der meines Vaters. Ich und der Säufer also, wir waren die einzigen beiden, die immer wussten, was wirklich los war.
Da ich keine Geschwister hatte und in der Nachbarschaft keine anderen Kinder lebten, verbrachte ich viel Zeit unter Erwachsenen, die wiederum viel Zeit mit Herumsitzen, Rauchen, Trinken und Reden verbrachten. Ich war halt so dabei und beschäftigte mich selbst, wenn nicht gerade Gesprächsfetzen aufschnappte und altklug mitredete.
Wurde Nachschub von der Tanke gebraucht, musste ich als Bote fungieren. Für mich sprangen dabei immerhin ein Eis oder ein Markstück heraus. Noch heute weiß ich, wer was geraucht hat: Mein Vater Marlboro Red, meine Mutter Marlboro Light, der Galerist Camel Filter und die flamboyante Nachbarin Dunhill Menthol, die damals in einer eleganten, grün-goldenen Doppelpackung verkauft wurden.
Bei der Tankstelle kannten sie mich natürlich, schließlich ging ich manchmal fünf, sechs Mal pro Tag rüber. Als mir einmal ein neuer Verkäufer nichts mitgeben wollte, regten sie sich zu Hause am Esstisch alle über diese Kleinkrämerei auf. Anstatt nun selbst zu gehen, schrieben sie mir einen Zettel als Abholerlaubnis, mit dem es dann klappte. Danach gab mir auch dieser Typ mit, was ich wollte.
Eine Nachbarschaft war noch ein soziales Gefüge, ja ein kleines Universum, in dem alles und jeder seinen festen Platz hatte. Fast wie auf dem Dorf. Dabei wohnten wir an einer großen Kreuzung und nicht mitten in einem typischen Innenstadtquartier. Aber die fünf Häuser unserer Reihe, unser kleiner Garten, die Allee vor der Tür, der Kaisers gegenüber und die Kopfsteinpflasterstraße hinterm Haus, die zu einem trostlosen Park mit einem einzelnen, nicht weiter zu gebrauchenden Fußballtor führte, das war die Kulisse meiner Kindheit, bis ich mit meiner Mutter wegzog, als ich dreizehn wurde.
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