Als ich achtzehn Jahre alt war und noch zur Schule ging, ritt ich zwei meiner Freunde und mich einmal ganz schön rein. Wir saßen bei Pasta al Forno vom Hinterhoflieferservice zusammen und besprachen, wie und wo wir unseren Sommerurlaub verbringen sollten.
Ich machte kräftig Werbung für “Ruf Jugendreisen”, mit denen ich zwei Jahre zuvor in Schweden gewesen war. Aus irgendwelchen Gründen dachte ich, dass es für uns drei eine gute Sache wäre, nun nicht zwölfhundert Kilometer nach Norden, sondern zwölfhundert nach Süden zu fahren, um in der Nähe von Perpignan zwei Wochen in einem organisierten Zeltlager zu verbringen.
Erst waren sie skeptisch, aber ich konnte sie für meine Idee einnehmen und schließlich stimmten sie zu. Wir buchten zwei Wochen Busreise an die französischen Mittelmeerküste. Bei all dem hatte ich kräftig unterschätzt, wie sehr man sich als junger Mensch in zwei Jahren entwickelt.
Und so kam es, dass wir als junge Männer in einem Ferienspaß für Kids landeten. Wir waren mit Abstand die Ältesten und hatten dort wirklich überhaupt nichts verloren, das war uns eigentlich schon im Bus klargeworden.
Auch den Leitern wussten schnell, wo hier das Problem lag: Wir passten nicht an diesen Ort, waren aber volljährig, sodass man uns nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr verbieten konnte. Das war deshalb ein Problem, weil meine beiden Freunde und ich nicht gerade das waren, was man freundliche und patente Jungs genannt hätte.
Im Gegenteil: Aus heutiger Perspektive waren wir ziemlich kaputt, damals hielten wir es für vollkommen normal, sich mehrmals die Woche zu besaufen, dauerbekifft zu sein und keinerlei positive Lebensplanung zu verfolgen.
Wir waren nicht Kinder, sondern Opfer unserer Zeit. Das fing schon bei unseren Vätern an. Nach klinischen Standards waren sie alle Alkoholiker. Bei manchen war es offensichtlich, denn sie schlugen ihre Söhne oder verloren im Delirium ihre Jobs oder Frauen. Bei anderen, so wie bei meinem, war es kaschiert hinter einer bürgerlichen Fassade von Genuß und Entspannung.
Es herrschte damals einfach keinerlei Problembewusstsein, was Zigaretten und Alkohol anging. Wenn beispielsweise eine Geburtstagsparty anstand, gingen unsere Eltern los und kauften uns kistenweise Bier und harten Schnaps, damit wir uns einen netten Abend haben konnten. Zu meinem sechzehnten Geburtstag bekam ich von meiner Mutter ein Cocktailset mit Shaker und Stößel geschenkt. An Karneval, in der Kneipe, schmissen die Eltern von Mitschülern lachend Runden für uns Dreikäsehochs. Und in der Schule, bei den Abipartys der Älteren, betranken wir uns sogar unter der Aufsicht der Lehrer.
Was das Kiffen anging, war man damals zwar weniger tolerant, doch es uferte trotzdem aus. Oder erst recht. Wie in Frankreich. Ich selbst vertrug Gras nicht besonders gut, darum hielt ich mich noch einigermaßen zurück, doch meine beiden Freunde waren rund um die Uhr bekifft – und das für die nächsten Jahre. Beide haben damit auf ihre Weise ihr Leben gegen die Wand gefahren, und sie waren bei Weitem nicht die einzigen beiden aus meiner Clique, bei denen es so gelaufen ist. Bei mir war es eher der Suff, der zu vielen unschönen Momenten und Folgeproblemen geführt.
Das Tückische an toxischen Mitteln ist ja, dass sie sich höllisch schnell ausbreiten. In dem Lager haben wir natürlich direkt ein paar willige Jünger gefunden und dazu verführt, mitzumachen. Am Ende waren sie, obwohl noch völlig bartlos und unschuldig, genauso bekifft und besoffen wie wir.
Trotz allem möchte ich das alles nicht missen. Auf der Habenseite stehen ja auch Dinge: Lust, Entgrenzung, Exzess, Wut, Scham, Reue … diese reinen Emotionen kommen halt mit einem Beipackzettel. Spüren will ich sie dennoch, auch wenn das in den Augen irgendwelcher Psychologen krankhaft ist. Ist mir egal! Wenn ich auf die dunkle Seite ganz verzichten soll, muss mir die Gesellschaft schon ein besseres Kompensationsangebot machen. So, wie die Dinge jetzt laufen, reicht mir das Leben ohne Rausch einfach nicht, denn es ist fad, fad, fad.
Schreibe einen Kommentar