Schwarzer Sumpf

Short Stories

Notiz 9

Ich habe begonnen, meine Texte auf Instagram und X zu bewerben. Läuft noch nicht. Ich bin auch skeptisch, ob es jemals in Laufen kommen wird. Im Grunde ist es mir auch egal. Ich verfolge keine wirklichen literarischen Ambitionen (mehr). Ich dokumentiere eigentlich nur noch, was in meinem Kopf los ist, und folge bestimmten, nicht zielgerichteten Impulsen.

Was ich allerdings merke: Allein durch die Illusion einer Öffentlichkeit, eines Publikums werde ich vorsichtiger. Ich halte Dinge zurück, auch wenn ich das nicht tun will. Eigentlich würde ich gerne den Mut und die Aufrichtigkeit besitzen, alles wegzuschenken, nicht mein ganzes Ego, aber meine ganze „Intimität“. Wozu sich noch etwas bewahren?

Ich bin so furchtbar erschöpft. Das Posten von Krempel und das ständige Nachschauen, ob es zumindest irgendeine Resonanz erzeugt hat, laugt einen aus. Aber ich kann es auch nicht systematisch angehen: Beiträge erstellen, Beiträge einplanen, später Beiträge auswerten. Bei mir ist es eher so: Alles und zwar jetzt! Und wenn es nicht direkt was wird, was anderes. Und auch das sofort. Irgendetwas hält mich permanent unter Strom. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher als Ruhe. Was für ein Widerspruch!

Ich sehe irgendwie keine Unterschiede mehr. Das ist der Grund für meinen Anspruch ans Leben. Früher habe ich immer nur aufgeschaut. Und weil ich immer nur aufgeschaut habe, war ich ständig in Ehrfurcht. Heute will ich aufschauen, aber ich finde niemanden mehr, zu dem ich aufschauen kann. Alles ist so beliebig, alles ist so zweifelhaft. Selbst wenn jemand für das eine steht, sehe ich nur noch, dass er dann eben nicht für das andere steht. Und das ist ja zweifelsohne ein Defizit.

Ich habe nicht einmal mehr Lust, mir selbst zuzuhören. Ein Stream of Consciousness als sich selbst auffressender Regenwurm. Er windet sich und beißt sich von hinten selbst in den Schwanz, schlingt sich schmatzend selbst herunter, während er sich bewusst macht, dass er sich gerade bewusst macht, dass er sich selbst herunterschlingt. Natürlich ist das kein schönes Schauspiel.

Vielleicht sollte ich dichten: Mein Kopf ist weichgekloppte Pampelmuse, eine von kleinen, reiskornförmigen Zellen durchsetzte, säurehaltige Masse. Nicht strukturlos. Im Gegenteil, sehr viel Struktur.

Boah, was für eine Scheiße das alles ist! Ist das nun Zen? Ziel- und richtungslose Momente? Etwas machen, um etwas zu machen, aber nirgendwo hinwollen mit seinen Taten? Zen-Literatur? – Aus dem Zugfenster schauen und sagen: Bäume! Fabrikhallen! Himmel! Wolken! Parkplätze und Graffiti. Sind wir schon in Düsseldorf? Kommt gleich das Bordell am Bahndamm, aus dessen Fenstern die Negernutten herausschauen? Müssen diese unerträglichen Provokationen eigentlich immer sein? Ja, sie müssen! Das sind keine Provokationen, das sind intrusive thoughts, intrusive Gedanken. Je lauter ihr „N-Wort“ und „Sexarbeiterin“ sagt, desto lauter schreit mein Kopf: „NEGERNUTTE!“ „Neger“ ist mittlerweile mein erster Gedanke, wenn ich jemanden mit dunkler Haut sehe. „Neger!“ Der zweite ist: Den darfst du nicht denken! Der dritte: Darum denkst du ihn ja! Davon abgesehen, ist „Negernutte“ indes ein schönes Wort – sofern man den Klang von Worten von ihrer Bedeutung trennen kann. „Massenmord“! „Tobsuchtsanfall“! „Krätze!“ – Alles tolle Worte, wenn man ihre Bedeutung außen vor lässt. Ich habe einmal eine Negerin gefickt. Und ja, ich war scharf drauf, das einmal zu tun. Und ja, in gewißer Weise war es anders. In gewißer Weise natürlich auch nicht. So wie das immer ist. Alles ist immer in gewißer Weise anders als andere Dinge. Und auch in gewißer Weise gleich. Meine Damen und Herren, liebe Neger! Ich habe damals nicht nur einen Negerkuss erhalten, höhö!

Mann, was ist nur los mit mir? Bist du krank, Junge? Und versteck dich ja nicht wieder hinter deinen seltsamen Selbstbespiegelungen. Reflexion schützt vor Widerwärtigkeit nicht. Du bist ein Rassist! Ein verfuchter, ekelhafter Rassist, den man an die Wand stellen oder zumindest aufknüpfen sollte. Wie kann ein belangloses, aber immerhin harmloses Blabla in so einen widerlichen Sermon abdriften? Du tickst doch nicht ganz sauber!

Der Mensch ist leider primitiv. Und die Kapelle: Rumtata! – Freiheit! Freiheit! Ist die einzige, die zählt.


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