Schwarzer Sumpf

Short Stories

Das Universum ist makellos

Im Grunde waren schon am ersten Abend Risse entstanden. Nachdem wir uns bei einem Kioskbier beschnuppert hatten, gingen wir in die kleine Jazzkneipe am Barbarossaplatz. Du hast mich überrascht, als du John Coltrane sagtest, nachdem bei einem Track die ersten Saxofontöne erklangen. Unsere Chemie hat direkt gestimmt und du sahst umwerfend aus in deinem engen, schwarzen Einteiler.
Später gingen wir zu dir, obwohl es ein Dienstagabend war und ich am nächsten Morgen um acht auf der Baustelle sein musste. Wir setzten uns auf den Balkon und ich sah die Spitzen des Doms grün leuchtend hinter den dunklen Mietshäusern aufragen und daneben leuchtete, viel näher die rote Neonschrift vom Saturn. Das war meine Heimat und auch du hast dieses Gefühl von Zugehörigkeit direkt in mir ausgelöst. Wir rauchten und redeten und als wäre es ganz normal, legten wir uns irgendwann ins Bett. Ich streifte deinen Einteiler ab und wir schliefen miteinander. Es war wie ein Tanz, unsere Bewegungen waren rhythmisch und synchron. Es war so eng, dass ich deinen ganzen Körper fühlen konnte, ab nicht so eng, dass es mir die Sinne abdrückte.
Hinterher sagtest du mir, dass alles Vorsehung sei. Du hättest deinem Mitbewohner gestern beim Abendessen gesagt, dass du heute jemand Besonderes treffen würdest. Direkt am Morgen hättest du Tinder angeworfen, wir hätten gematcht, ein paar Sätze gewechselt und uns verabredet. Und nun läge ich neben dir im Bett. Blödsinn, das Universum kennt dich nicht! Das dachte ich für mich, während ich dich streichelte und langsam schläfrig wurde.

In den nächsten zwei Wochen trafen wir uns, wann immer wir konnten. Ich stellte dich ein paar Freunden vor und hörte dich das erste Mal länger von der Kraft der Gedanken reden. Es war mir vor ihnen peinlich und ich hielt mich raus. Die ist schon ein bisschen crazy, oder? Das war so das Feedback.
Einmal fuhren wir mit zwei deiner Freundinnen zum See. Es war ein perfekter Sommertag. Ich saß am Steuer und alles war für mich unwirklich wie ein Film. Drei Frauen bei mir im Auto und dann im Bikini mit mir auf der Decke. Mir schien, jeder Typ auf der Wiese beneidete mich. Als die Sonne etwas schwächer geworden war, schwammen wir in der Gruppe durch Entenkacke zu einer Brücke und ich sprang als erster herunter.
Auch mit deinen Freundinnen hast du über Vorsehung gesprochen und über deinen Weg der Heilung. Ich nahm das schon weiter wahr, aber du warst so sanft und aufnehmend und ich fühlte mich so angenommen von dir, dass ich mir einredete, das wäre schon in Ordnung. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr verschaffte sich der Rationalist in mir wieder Gehör. Mehr und mehr setzte ich dein selbstbestärkendes Gerede in Zusammenhang mit den Geschichten aus deinem Leben, die ich nach und nach erfuhr, mit deinem Vater, dem Hotelkoch, der immer bei der Arbeit war, und mit deiner entwurzelten und psychotischen Mutter aus dem Jemen, die dich angeschrien und geschlagen hat. Und natürlich mit deinen Ex-Freunden, miese Typen vom Schlage Drogendealer und Taugenichts. Einer hat dich die Treppe heruntergestoßen und die anderen haben dich auch geschlagen.
Ich war Psychologe genug, um zu wissen, was das alles hieß. Aber ich wollte die Wahrheit nicht anerkennen. Vielleicht hattest du ja doch Recht mit deinen Thesen. Vorsehungen und kosmische Kräfte spenden immerhin mehr Hoffnung als determinierende Narben. Und von denen hatte ich selbst genug. Deine Möglichkeiten waren also auch meine Möglichkeiten. Und andersherum: Deine Ausweglosigkeit wäre auch meine gewesen. Vielleicht würde ich es durch dich schaffen, die Seiten zu wechseln. Diese Tür wollte ich nicht zuwerfen. Glück, Frieden, Harmonie, all diese unwirklichen, kitschigen Konzepte, du hast sie in manchen Momenten greifbar gemacht, und der Rationalist in mir war geblendet. Und so habe ich schwere Untaten vollbracht. Ich habe dich in die Irre geführt. Du hast gedacht, ich wäre der Mann, auf den du schon immer gewartet hast, so eine Art weißer Ritter oder irgend so ein Quatsch. Jetzt wird alles gut, hast du gedacht, und ich habe kräftig in dieses Stroheuer hineingeblasen, habe zum Beispiel aus dem übriggebliebenen Mörtel auf der Baustelle ein Herz geformt und es dir mitgebracht. Du hattest Tränen in den Augen, weil so etwas noch nie jemand für dich gemacht hat, und denke ich zurück, habe auch ich Tränen in den Augen, weil ich es hätte besser wissen müssen.

Als mein Urlaub zu Ende war und die Rückkehr nach Berlin anstand, waren wir ein Paar. Wir schrieben uns mehrmals am Tag und Ende August bist du für ein Wochenende zu mir gekommen. Schon als du am Freitagabend aus dem Zug stiegst, fühlte es sich anders als in Köln. Du warst müde und hungrig und wir aßen noch am Bahnhof etwas. Ich saß dir gegenüber und suchte nach dem Gefühl, das ich in Köln gehabt hatte, fand es aber nicht. Unser Gespräch war uninspiriert.
Am nächsten Tag liefen wir herum, von meiner Wohnung in Mitte bis nach Kreuzberg, wo wir Kaffee tranken. Wieder saß ich dir gegenüber und fand das Gefühl nicht. Du warst anders. Etwas schimmerte durch, was ich in Köln nicht wahrgenommen hatte. War es Erschöpfung?
Ein Kollege schrieb mir, dass er mit anderen Leuten aus der Firma in dem Biergärten sei, wo wir auch nach der Arbeit öfters mal hingingen. Ich antworte, dass wir vorbeikommen. Ich war froh, einen Programmpunkt zu haben, der nicht allein von mir abhing, denn irgendwie fühlte ich mich mit dir mehr und mehr beklommen.
Im Biergarten stellte ich dich meinen Kollegen vor und du kamst schnell mit Pierre, dem charismatischen Franzosen aus meinem Team ins Gespräch. Ich fühlte Stolz, weil ich dich an meiner Seite hatte, denn ich nahm deine Wirkung auf ihn war, und anfangs genoss ich einfach dieses Gefühl, während ich euch zuhörte, mein Bier trank und auf den Spreekanal blickte. Vielleicht war ja doch alles gut.
Aber dann fingst du wieder mit deiner Leier an. Pierre zeigte sich empfänglich für deine naive Esoterik und ihr habt euch gegenseitig hochgeschaukelt und immer krudere Dinge behauptet. Du kennst das doch schon, lass sie reden. Weißt doch, wo das herkommt, sagte ich mir. Aber als du behauptet hast, dass man von schlechten Gedanken Krebs bekommt, stieg plötzlich eine Wut in mir auf, die sich lange angestaut hatte. Ich glaube heute, ich war auf mich selbst wütend, weil ich all das schon so lange mitgemacht hatte. Ich war durch dich in die Versuchung geraten, zum Sprung anzusetzen, wie Camus es nennt, wenn man die Spaltung nicht mehr aushält und endlich Ruhe haben will. Denn am Ende ist es immer einfacher, einen Glauben zu haben, als keinen Glauben zu haben. Aber man darf nicht springen.
Das ist doch völliger Schwachsinn!, platzte es aus mir heraus und du und Pierre, ihr habt mich angestaunt. Wie nur hatte ich die letzten Wochen all deinen Blödsinn abnicken können? Oder zumindest dazu schweigen können? Nachdem du dich nach meinem Einwurf wieder gesammelt hattest, hast du versucht die Situation mit ein paar gefälligen Relativierungen zu retten, aber bei mir war ein Damm gebrochen.
Jetzt hör doch endlich mit diesem esoterischen Gefasel auf! Seit Wochen höre ich mir diesen Scheissdreck an!
Pierre blickte betreten auf die Tischplatte, ein paar andere Kollegen sahen jetzt zu uns rüber. In deinen Augen blitzte Wut auf, aber du hast dich beherrscht.
Wir reden nachher darüber, hast du gesagt und dann nichts mehr.
Da Pierre uns nicht den Gefallen tat, ein neues Thema anschneiden, und ich auch nichts mehr zu sagen hatte, entschuldigte ich mich und ging zu den Toiletten. Anschließend blieb ich beim Geländer stehen und starrte aufs Wasser, um meine Gedanken zu sammeln. Es war klar, dass ich gerade unser Ende besiegelt hatte, aber es kam noch die Nacht. Zurück am Tisch setzte ich mich gar nicht mehr hin. Komm, wir gehen!
Pierre lächelte dich aufmunternd an, als du dich von ihm verabschiedet hast. Dann wurde seine Miene ernst und er nickte mir zu. Schlagartig hatte ich Schuldgefühle und auf dem Heimweg wurden sie immer stärker. Du bist schweigend neben mir hergegangen und hast mir Leid getan. Meine Wut von eben schien mir jetzt völlig überzogen. An der dritten oder vierten Kreuzung platzte es auf dir heraus. Du bist stehen geblieben, hast mein Gesicht gegriffen und mir in die Augen gestarrt. Ich bin noch nie so vor anderen Leute gedemütigt worden wie eben!
Ich war überrascht, dass das dein Problem war, und sagte erst einmal nichts dazu. Auf dem Rest des Weges hast dich weiter aufgeregt und auf Arabisch geflucht. Cawa! Was für eine Demütigung! Cawa, Cawa, Cawa!
Deine ganze Sprache war plötzlich anders. Deine war Stimme tiefer, ohne die fast kindliche Melodie, die sonst in ihr lag. Du klangst jetzt wie irgendeine eine Ausländertussi von der Straße und ich begriff, dass das die Frau aus deinen Geschichten war, die, die von Dealern verprügelt wurde oder im Club mit jedem nach Hause ging. Sie hatte sich nur versteckt hinter deinen ganzen Selbstbeschwörungen und deiner Kunst und deinen luftigen Hippie-Klamotten. Doch kaum hattest du dich abreagiert, verschwand diese Frau wieder. Wir setzten uns auf dem Alexanderplatz auf eine Bank setzten, und du sagtest mir heller Kindchenstimme, Es tut mir Leid!
Über deine Wangen liefen Tränen. Ich legte einen Arm um dich und zog dich zu mir heran. Dir braucht nichts Leid zu tun! Alles ist gut!
Ich tat es schon wieder. Ich log dich an. Nichts war gut. Es war alles ein Desaster. Es tut mir so Leid!, hast geschluchzt.
Was tut dir Leid?
Dass ich ausgerastet bin. Ich wollte das nicht. Du warst so gut zu mir, hast mich zu dir eingeladen, hast mir die Stadt gezeigt.
Ich spürte, wie du gezittert hast. Hey, es ist alles in Ordnung. Es war respektlos, wie ich mit dir geredet habe. Du hattest allen Grund sauer zu sein.
Echt?
Ja, ich hätte dich nicht vor anderen Leute so anfahren dürfen.

Du hast dich enger an mich geschmiegt und mein Störgefühl wurde schier unerträglich.
Es ist nur, ich versuchte meiner Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen, also deine Ansichten, dieses Esoterische, darauf komme ich irgendwie überhaupt nicht klar.
Wie meinst du das?
Naja, ich glaube eben nicht an so was.
Du hast dich aufgerichtet und mich angesehen. Aber das musst du doch auch gar nicht.
Ich weiß, dass ich das nicht muss. Aber, wie soll ich sagen? Ich glaube, ich kann auch nicht mit jemanden zusammen sein, der an so was glaubt.
Ich sah die Enttäuschung in deinen Augen und dass dir alles sofort klar war.
Dann fahre ich wohl besser sofort nach Hause.
Das wird schwer um diese Uhrzeit.
Dann geh ich in ein Hotel. Kennst du eins, das nicht so teuer ist?
Du kannst die Nacht natürlich noch bei mir bleiben,
sagte ich. Ich schlafe auf der Couch, dann hast du das Bett für dich alleine. Wie klingt das?
Gut. Danke!
Du warst ein Häuflein Elend und es zerriss mir das Herz, denn ich konnte dich nicht aufsammeln. Und dann hast meinem Herz den Todesstoß versetzt.
Weißt du, hast du gesagt, mir ist klar, dass das alles nur etwas ist, an dem ich mich festhalte. Wenn ich von der Energie des Universums rede und so. Mir ist irgendwo klar, dass da nichts dran ist. Aber ich brauche das einfach. Sonst habe ich nichts. Hab ich dir vom Tod meiner Mutter erzählt?
Ich musste schlucken. Nein, nicht genau.
Sie ist vor meinen Augen aus dem Fenster gesprungen, als sie einen ihrer Anfälle hatte. Da war ich acht. Wir waren alleine zu Hause und ich bin sofort zu ihr hinuntergelaufen. Sie hat noch gelebt, aber im Krankenhaus ist sie gestorben.
Fuck! Das ist ja furchtbar!
Da ist für mich die Welt zusammengebrochen, obwohl sie so gemein zu mir war. Und ich habe gemerkt, ich brauche irgendwas, was mir Halt gibt, sonst schaffe ich es nicht. Also habe ich angefangen mit dem Universum zu reden. Das hat mir geholfen.
Oh Mann, das tut mir wirklich Leid zu hören. Ich wusste nicht, was ich sonst noch sagen konnte. Was kann man so einer Welt aus Elend schon entgegensetzen?
Das lässt natürlich alles in einem anderen Licht erscheinen, fügte ich an und meine Worte kamen mir hohl und deplatziert vor.
Ich hoffe, du kannst mich jetzt besser verstehen.
Ja, das kann ich.
Ich war perplex. Du warst gar keine einfältige Esoterikerin, sondern eine Wissende. Und das machte dich genau zu der Frau, die ich wollte. Aber ich konnte dich nicht haben, denn wie du selbst gesagt hast, konntest du als diese Wissende nicht leben. Dein Wesenskern war so tief und so ehrlich, dass er sich selbst verunmöglichte.
Das alles war zu viel für mich. Meine Urinstinkte übernahmen mit einer Wucht, wie ich sie nicht gekannt hatte. Ich musste weg von dir. Denn natürlich wollte ich nichts sehnlicher, als dich jetzt an mich zu drücken und dir all das geben, was du verdient hattest. Aber das ging nicht, ich würde mit dir untergehen, das spürte ich dort auf der Bank mit jeder Faser meines Seins.
Also schwiegen wir und ich starrte auf die leuchtende Kugel des Fernsehturms über uns, dahinter das Universum, in seiner Kälte makellos.
Als wir bei mir waren, zog ich das Sofa im Wohnzimmer aus und breitete ein Laken darüber aus. Ich ging mein Kissen und meine Decke aus dem Schlafzimmer holen und sagte dir gute Nacht. Du hattest die Augen bereits geschlossen und hast sie zu gelassen, als du mir geantwortet hast. Schlaf gut!
Als ich auf der Couch lag, war ich sehr traurig, aber ich fühlte auch, wie eine Last von mir fiel.
In der Nacht hast du mich geweckt.
Kann ich mich zu dir legen? Ich hab solche Angst, hast du gesagt. Ich hatte das Gefühl ein kleines Mädchen steht an meinem Bett, dass sich in der Dunkelheit verirrt hat. Und wahrscheinlich war es auch so.


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